Emanuel, Dresden
Ich bin Emanuel Kirschner, 42 Jahre alt und in Görlitz geboren. Dort habe ich aber nur einen kleinen Teil meiner Kindheit verbracht, weil ich relativ schnell auf ein Internat in Hoyerswerda gegangen bin. Ich war dort auf einer Förderschule für Menschen mit Behinderungen, wo ich meine Schulzeit und Jugend verbracht habe. Angefangen hat es mit einer Rundum-Betreuung im Kindergarten, da war ich ca. fünf Jahre alt. Das war dann noch so, wie man es aus dem fliegenden Klassenzimmer kennt: Es gab einen großen Raum zum Spielen, einen zum Turnen und große Schlafsäle - nach Jungs und Mädels getrennt. Der Schlafsaal bestand aus acht Betten und einer Nachtschwester, die geguckt hat, dass wir keinen Blödsinn gemacht haben. Im selben Gebäude war auch die Schule, die ich später besucht habe. Es war eine Gesamtschule, die von der ersten bis zu zehnten Klasse ging. Wir hatten kleine Klassen, was sehr gut war. Am Anfang waren wir ca. 12 Schüler und in der neunten Klasse dann nur noch acht. Das war sehr überschaubar. Man konnte aber deshalb auch keinen Blödsinn machen, was ich eher als schwierig empfunden habe. In der Schulzeit haben wir uns dann zu dritt ein Zimmer geteilt bzw. später gab es dann auch Einzel- oder Doppelzimmer. Ich fand Doppelzimmer immer etwas cooler.
Damals in Hoyerswerda wurde in den 90er Jahren das Asylbewerberheim angezündet. Wir selber haben davon nichts mitbekommen, weil wir mit unserer Schule und dem Internat separiert waren. Aber man hat uns danach immer eindringlich davor gewarnt, allein in die Stadt zu gehen. Es sollte immer ein Erwachsender dabei sein, damit uns so etwas nicht auch passiert. Weil wir eben anders waren, Menschen mit einer Behinderung waren auch eine klassische Zielgruppe.
Das Internat habe ich nicht verteufelt. Klar war es tragisch, dass man seine Eltern die ganze Woche nicht gesehen hat, aber ich habe es immer so gesehen, dass ich auf das Internat geschickt wurde, damit meine Mutter, die alleinerziehend war, Vollzeit arbeiten gehen konnte. Sie hat im Einzelhandel gearbeitet und hatte eine 48 Stundenwoche. Das wäre, wenn ich bei ihr zu Hause geblieben wäre mit all der Physiotherapie und was da alles noch mit dranhing, nicht machbar gewesen. Sie wäre eine der ersten gewesen, die ihren Job verloren hätte. Nach der Wende hat sie zwar trotzdem ihren Job verloren. Sie konnte sich dann aber auf die Umschulung und ihre Selbständigkeit konzentrieren, weil sie wusste, dass ich versorgt bin. Der Preis, den man dafür bezahlt, ist die emotionale Bindung, die dann verschwindet. Ich habe sie zwar am Wochenende gesehen, aber da ist trotzdem etwas kaputt gegangen.
Im Internat habe ich dann meinen Hauptschulabschluss gemacht. Wir hatten ein hauswirtschaftliches Profil, einfach damit die Schülerinnen und Schüler auf ein möglichst selbständiges Leben vorbereitet werden sollten. Leider hat das Profil nicht ermöglicht, dass man einen Zugang zur „normalen“ Schule bekommen hätte, um den Realschulabschluss nachzuholen.
Auf dem Internat waren Schülerinnen und Schüler mit körperlichen und geistigen Einschränkungen. Es gab den „L Bereich“ für Personen mit Lerneinschränkungen, die dann in extra Klassen waren. Untergebracht waren sie aber im selben Haus wie wir und mit ihnen hatten wir fächerübergreifenden Unterricht - so was wie Ethik, Kunst und Sport. Das hat viel für den Zusammenhalt getan, wir hatten dann auch eine gemeinsame Abschlussfeier, was ich sehr schön fand. Das würde ich mir auch an inklusiven Schulen viel eher wünschen.
Wenn man aktuell das Wort inklusive Schule in den Mund nimmt, hat man sofort Eltern, die sagen: „Mein Kind wird vom Lernen abgehalten oder das Lerntempo von meinem Kind wird ausgebremst.“ Meiner Meinung nach muss man nicht unbedingt in den prüfungsrelevanten Hauptfächern inklusiv beschulen. Aber in anderen Fächern kann man das sehr wohl - im Sport, in Kunst, in Ethik oder Religion beispielsweise. Einfach damit die Begegnungen und der Austausch stattfindet und der Perspektivwechsel da ist. Wirklich inklusiv wäre es aber nur, wenn man es mit den Hauptfächern zusammenbringt. Ich sehe ein, dass es einen Lehrplan gibt und der Stoff geschafft werden muss. Aber es braucht flexiblere Methoden, damit eben auch Kinder, die es nicht sofort verstehen, mitgenommen werden können.
Aktuell beginnt das Problem mit den Eingliederungshilfen und den Schulassistenzen, da soll gekürzt und weggestrichen werden. Ich habe aber im Petitionsausschuss des Bundestages gehört, genau genommen von der parlamentarischen Staatssekretärin vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales Kerstin Griese, dass es nicht geplant ist bei der Eingliederungshilfe zu kürzen. Das heißt nicht, dass sie es nicht machen! Es heißt nur, dass das SPD-Ministerium nicht plant zu kürzen. Das ist so eine schöne wage Formulierung. Aber nur weil sie nicht kürzen wollen, kann es sein, dass das CDU/CSU Kabinett sich durchsetzt und trotzdem kürzt, weil Geld gespart werden muss. Ich denke, dass das nach hinten los gehen wird. Das Pooling wird nicht funktionieren, weil die Bedürfnisse der zu betreuenden Personen einfach zu individuell sind. Meiner Meinung nach muss das Geld in die Hand genommen werden, damit die Betreuung effektiv ist. Gerade im Bereich der Schulassistenz kann es praktisch nicht funktionieren, wenn mehrere Kinder gleichzeitig betreut werden sollen.
Hier zeigt sich, dass das Motto „Nichts über uns ohne uns“ nicht gelebt wird. Es steht zwar überall drüber, auch bei der UN-Behindertenrechtskonvention, aber es wird nicht umgesetzt. Die Lobby ist eigentlich nicht zu klein, wenn man bedenkt, dass 13 Millionen Menschen in Deutschland eine Behinderung haben. Seit den 80er Jahren geistern Klischees durch die Gegend, dass die Gesellschaft denkt: Ja guck doch mal, was wir jetzt alles schon gemacht haben – sei doch mal dankbar. Wo ich mir aber denke: Nein, ich muss gar nicht dankbar sein, dass geltendes Recht umgesetzt wird und die Gesellschaft ihrer Verpflichtung nachkommt.
In den politischen Diskussionen kommt aktuell auch immer wieder das Argument auf, dass man etwas für den Rollstuhlfahrer tut. Und da sage ich: „Nein, ihr macht das auch für die, die nicht mehr Treppen steigen können, für die Eltern mit dem Kinderwagen oder auch für den Professor, der mit drei Rollkoffern um die Ecke kommt.“ Ich verstehe nicht, warum dieser Mehrwert für alle nicht erkannt wird, sondern dass gesagt wird: „Jetzt müssen wir für Menschen mit Behinderungen dies und das machen“.
Ich bin aus der Schule gekommen und dann in einem Reha-Team beim Arbeitsamt gelandet. Da kommt man als Mensch mit Behinderung automatisch rein.
In unserer Gesellschaft wird prinzipiell immer separiert. Ich bin aus der Schule gekommen und dann in einem Reha-Team beim Arbeitsamt gelandet. Da kommt man als Mensch mit Behinderung automatisch rein. Damals in der neunten Klasse haben wir einen Betriebsausflug in die Werkstätten gemacht. Das war dann der Ausblick für uns. Ich wollte das aber nicht. Dafür hatte ich nicht den Hauptschulabschluss gemacht und neun Jahre die Schulbank gedrückt. Aber ganz viele werden in diesen Weg reingedrückt.
Ich habe dann ein Jahr lang, weil ich noch berufsschulpflichtig war, mein Berufsfachschuljahr für Gesundheit und Pflege gemacht. Dass ich aber nicht im Bereich Pflege arbeiten werde, war von vornherein klar. Ich habe damit ein Jahr überbrückt. Es hat mich zwar thematisch interessiert, ich durfte aber aus körperlichen Gründen in diesem Bereich nicht arbeiten. Nach dem Jahr kam wieder das Arbeitsamt auf mich zu und hat mir mitgeteilt, dass ich ins Berufsbildungswerk muss und Bürokaufmann werden soll. Das Kredo war wohl, dass alle Menschen, die eine Behinderung haben, Bürokaufmann werden sollten, denn im Büro kann jeder arbeiten und damit ist man auch vermittelbar. Deshalb bin ich nach Dresden gegangen und habe in Hellerau meine Ausbildung gemacht. Erst als alles unterschrieben war, habe ich festgestellt, dass man ja auch ganz andere Sachen hätte machen können, z.B. Bauzeichner oder Mediengestalter. Ich habe leider diesen Schnupperlehrgang nicht gemacht und mich quasi in die eine Richtung drängen lassen. Das fand ich schade, hatte aber noch nicht das Selbstbewusstsein, um zu widersprechen. Ich habe also drei Jahre die Ausbildung gemacht, um am Ende festzustellen, dass das Berufsbild total überlaufen ist. Niemand brauchte Bürokaufleute.
Dann kam für mich eine schwere Zeit - ich war acht Jahre arbeitslos. 2013 habe ich dann hier an der Uni an der Professur für Botanik angefangen. Eigentlich war ich kurz vor der Aufgabe und hatte mich damit abgefunden, dass ich Hartz 4 Empfänger bin und bleibe. Dann dachte ich mir aber, dass es das nicht gewesen sein kann und habe mich auf eine Sekretariats-Stelle an der Uni beworben. Die Stellenbeschreibungen an einer Universität klingen immer sehr hochgestochen, mit beispielsweise fließendsprechenden Englischkenntnissen. Deshalb habe ich mich lange Zeit auf diese Stellen nicht beworben, weil ich keine guten Chancen für mich sah. Dann stand da aber ein Satz, den ich lange überlesen habe: Schwerbehinderte Bewerber werden bei gleicher Qualifikation bevorzugt. Da dachte ich mir so: Das ist ja krass – bewirb dich und schick deinen Schwerbehindertenausweis mit. Dann hatte ich mein erstes Gespräch in der Chemie. Das lief nicht so gut, weil ich mich noch ziemlich klein gemacht habe. Es saß aber eine Frau von der Schwerbehindertenvertretung mit beim Gespräch, die mir hinterher sagte, dass ich viel klüger sei, als es im Gespräch rüberkam. Sie gab mir eine Mailadresse, bei der ich mich melden sollte, um alle Stellenangebote zu bekommen, die gerade offen waren. Ich sollte mich einfach auf alle bewerben. Danach hatte ich innerhalb von vier Wochen 12 Bewerbungsgespräche an der Uni. Ich bin durch die Gespräche immer selbstbewusster geworden und habe auch verschiedene Professoren kennengelernt. Dann kam das Gespräch in der Biologie, wo mir schon das Gebäude gefiel. Ich wollte dort arbeiten. Mit dem Mindset bin ich das Gespräch gegangen und habe mich so gut verkauft, dass ich den Job bekommen habe und als Mutterschutz- und dann Elternzeitvertretung angefangen habe. Da mein damaliger Chef den Großteil der Zeit unterwegs war, musste ich mich selbst durchfuchsen, hatte aber ein sehr gutes Team, was mir sehr geholfen hat. Das hat echt Spaß gemacht, obwohl ich von vielem keine Ahnung hatte.
Seit 2017 arbeite ich beim International Office. Mein Ziel ist es aktuell, die Vertrauensperson für schwerbehinderte Menschen an der Uni zu werden.
Dann kam die Sekretärin aus der Elternzeit zurück und ich musste mich neu bewerben und bin zu den Werkstoffwissenschaften gewechselt. Danach war ich eine Zeit lang bei der Öffentlichkeitsarbeit im Uni-Shop beschäftigt. Seit 2017 arbeite ich beim International Office. Mein Ziel ist es aktuell, die Vertrauensperson für schwerbehinderte Menschen an der Uni zu werden. Ich habe schon die zwei Vorgänger begleitet. Und jetzt nach drei Vorgängern traue ich mir das Amt auch zu. Ich werde im November für den Posten kandidieren - man wird gewählt. Ich denke, ich kann meine Expertise, die ich in der Politik, Freizeit und an der Uni gesammelt habe, in so einem Amt gut zusammenbringen und etwas Gutes für die Mitarbeitenden herausholen kann. Die Amtszeit beträgt vier Jahre. Für diese Zeit wird man freigestellt und ist somit für die Beschäftigten verfügbar. Momentan bin ich in der Stellvertreterposition des Amtes, da ist es unter anderem meine Aufgabe Bewerbungsgespräche zu begleiten. Falls ich gewählt werde möchte ich mich beispielsweise dafür einsetzen, dass mehr Akzeptanz stattfindet. Mein Leitspruch ist immer: „Deine 100 % sind nicht meine 100 %“ - jeder hat ein anderes Kräfteniveau. Diese Akzeptanz ist in der Gesellschaft noch nicht da. Wir reden davon, dass die Menschen in der Werkstatt unfair bezahlt werden. Ich finde, der einzige Weg wie die Menschen in den Werkstätten an den Mindestlohn kommen ist es, sie aus der Werkstatt rauszuholen. Einen anderen Weg wird es nicht geben. Damit das passiert, müssen die Betriebe bereit sein, Menschen mit Behinderung einzustellen, und zwar so wie sie sind, mit allen Vor- und Nachteilen.
Ich bin als Frühchen auf die Welt gekommen. Bei der Geburt litt ich unter Sauerstoffmangel, dadurch ist in meinem Gehirn die Tetra-Spastik entstanden.
Vielleicht sollte ich noch etwas zu meiner Behinderung sagen. Ich bin als Frühchen auf die Welt gekommen. Bei der Geburt litt ich unter Sauerstoffmangel, dadurch ist in meinem Gehirn die Tetra-Spastik entstanden. Spastik bedeutet im Prinzip, dass meine Muskulatur sich nicht entspannen kann. Sie ist immer angespannt und krampft. Durch das Anspannen habe ich einen höheren Energieverbrauch. Ich glaube, Alter und Übergewicht tun ihr Übriges dazu ?. Längere Wegstrecken fallen mir manchmal schwerer. Bei schlechtem Wetter geht es meistens besser. Ich kann zum Beispiel keine Wasserkiste zu Fuß nach Hause tragen. Deshalb bin ich auch froh, dass es mittlerweile Lieferdienste für Getränke gibt. Ich habe das Glück, dass ich keine Medikamente nehmen muss. Es gibt Medikamente, die Muskel entspannend wirken, die haben aber für mich die Nebenwirkung, dass ich müde werde und dann bin ich nicht arbeitsfähig. Als ich arbeitslos war, habe ich die Zeit genutzt und hatte zwei Operationen in Heidelberg. Die orthopädische Klinik in Heidelberg ist auf Menschen mit Spastik spezialisiert. Ich bin vor den OPs sehr spitzfüßig gelaufen und das habe ich operieren lassen. Das hat gut funktioniert, aber die Heilung hat jedes Mal ein Jahr gedauert. Ich bin froh, dass ich das gemacht habe, obwohl ich lange Angst davor hatte. Die Entscheidung für die OP, die muss man selbst treffen. Meine größte Angst war es mich operieren zu lassen und dann nicht mehr aus dem Rollstuhl rauszukommen. Man weiß nicht, wie es verläuft. Zum Glück ging beide Male alles gut und dafür bin ich sehr dankbar.
Meine Spastik hält mich prinzipiell nicht von der Arbeit ab, aber ich merke schon, dass eine gewisse Spannung da ist, es fühlt sich an wie Muskelkater. Das kommt meistens durch die Fehlstellung, die ich habe. Ich habe das vor allem im Rücken- und Lendenbereich und in den Bereichen, wo die Muskulatur besonders beansprucht werden, also Wade oder Oberschenkel. Und dann wird man schnell müde. Ich bin schnell körperlich erschöpft. Ich bin dann echt froh, wenn ich sitzen kann. Ich habe mittlerweile auch immer mehr Arztbesuche, die zur Physiotherapie dazukommen. Ich merke schon, dass man mit der Spastik etwas schneller altert. Dann überlege ich, ob ich doch Medikamente nehme sollte oder mir Botox spritzen lasse. Dass, was sich mancher Promi in die Lippen spritzen lässt, ist eigentlich dafür gedacht den angespannten Muskel ein wenig einzuschläfern und zu entspannen. Ich habe Freunde mit einer starken Spastik, die das tatsächlich nehmen. Wenn man eine starke Spastik im Arm hat und ihn deshalb nicht benutzen kann, dann kann man durch Botox die Spastik lösen, was bis zu einem Viertel Jahr anhalten kann. Danach müsste man dann neu behandeln. Aber Botox ist teuer und es ist ein Nervengift. Deshalb habe ich vor Botox echt Respekt und solange ich selber laufen kann, mach ich das nicht. Manche nehmen auch medizinischen Cannabis, aber das habe ich noch nie probiert. Das gibt es auch erst seit kurzem. Ich habe Angst, dass es mich müde oder unkonzentriert macht, und beides brauche ich im Arbeitsleben nicht.
Insgesamt kann ich für mich behaupten, dass ich ganz gut klarkomme. Ich wohne allein. Ich habe Freunde um mich herum, vor allem auch aus dem Arbeitsumfeld, aber auch noch ein paar Freunde, die in der Werkstatt arbeiten. Die wollen da auch nicht raus, weil dort ihre Freunde sind und ein sicheres Umfeld herrscht. Deshalb will ich ihnen auch nicht absprechen, wenn sie sagen, dass sie sich dort wohl fühlen. Aber auch in einer Werkstatt gibt es Arbeitsdruck, denn es gibt auch Aufträge, die in einem gewissen Zeitraum erfüllt werden müssen. Nur so können sich die Werkstätten das ganze Personal auch leisten. Allerdings werden dann diese Aufträge von den Werkstattbeschäftigten geleistet, die eigentlich auch auf dem ersten Arbeitsmarkt Platz finden würden. Sie werden von den Werkstätten behalten, weil sie das Geld erwirtschaften. Es gibt auch noch Außenarbeitsplätze, wo die Menschen mit Behinderung zum Beispiel in einem Café arbeiten und dann auch das Gefühl haben, dass sie nicht mehr in der Werkstatt arbeiten. Sie werden aber weiterhin schlecht bezahlt und können nicht für sich selbst sorgen. Das finde ich traurig, weil eigentlich ist die Hauptaufgabe der Werkstatt, die Menschen mit Behinderung zu befähigen auf dem ersten Arbeitsmarkt zu kommen. Und das funktioniert nur sehr selten. Deshalb ist der Ruf der Werkstatt wahnsinnig schlecht.
Ich sehe einfach viele Berufe, wo man Menschen aus der Werkstatt ganz normal beschäftigen könnte, zum Beispiel bei der Grünpflege in der Stadt. Die Werkstätten haben Angst, dass sie abgeschafft werden, wenn das funktionieren würde. Das sehe ich aber nicht. Die Werkstätten könnten zum Beispiel Schulungen machen und andere Dinge, für die die Firmen keine Zeit haben. Und die Firmen selbst, die bekommen die finanzielle Unterstützung, um die Menschen in den Berufsalltag zu integrieren. Oft wird dann aus dem Kindergarten oder dem Altenheim zurück gespiegelt, dass die Menschen mit Behinderung zwar körperlich nicht so belastbar sind, aber emotional eine große Bereicherung. Die entlasten und sehen, wenn es jemand anderem schlecht geht. Und das müssen wir sehen. Wir müssen das Positive sehen. Und wir müssen auch die Unterschiede sehen. Denn in der Öffentlichkeit, zum Beispiel in Filmen, gibt es hauptsächlich Menschen mit Trisomie 21. Aber kennst du einen Menschen mit Trisomie 21, kennst du einen - genauso ist es beim Autismus Spektrum. Man muss viel mehr Aufklärungsarbeit leisten, so wie das beispielsweise Birger Höhn über Autismus macht. Er ist auch politisch viel unterwegs. Das mache ich mittlerweile auch. Denn wenn du etwas verändern willst, musst du aktiv werden. Durch einen Zufall bin ich dazu gekommen, bei Verdi einzutreten. Ich wollte die Krankenschwestern unterstützen, die nicht erst seit Corona so viel zu tun hatten. Ich dachte: Nehmt meinen Beitrag und macht etwas Gutes damit. Im selben Jahr (2019) waren Landtagswahlen und weil mich die SPD inhaltlich abgeholt hat, habe ich mich besonders für diese Partei interessiert. Deshalb war ich dann bei einigen Wahlveranstaltungen und habe dadurch immer mehr Menschen kennengelernt. Irgendwann habe ich dann die Perspektive gewechselt, vom Besucher zum Infostandbetreuer. Ich hatte dann echt Lust darauf. Bei der Wahl ist die SPD aber trotzdem abgestürzt und die AfD mit einigem Zugewinn gewesen. Und das war für mich der Punkt, wo ich mir gedacht habe, es muss mehr getan werden. Ich wollte nicht die SPD retten, aber für mich war klar, dass die Argumentation am Küchentisch vorbei war und ich mehr machen musste. Ich bin also SPD Mitglied geworden, auch wenn ich auch nicht mit allem einverstanden war und bin. Ich habe mich verstärkt für Inklusion eingesetzt und wurde dann Vorsitzender von SelbstAktiv Sachsen (SPD). Und jetzt, nach sechs Jahren, habe ich den Landesvorsitz abgegeben. Ich habe dort viel Netzwerkarbeit geleistet, weil meine Hauptaufgabe für mich darin liegt, Brücken zu bauen. Egal ob im Beruf, im Privaten oder politisch. Mein Ziel war immer: Wie erkläre ich Menschen, die noch nie mit Behinderung oder Inklusion zu tun hatten, mein Problem? Umgekehrt ist es aber genauso wichtig, Menschen mit Behinderung erklären zu können, warum Menschen ohne Behinderung meine Probleme vielleicht nicht verstehen. Denn wir haben Probleme, die Menschen ohne Behinderung niemals hatten. Für sie ist es nicht nachvollziehbar und woher sollen sie es wissen. Vor allem auch, wenn sie nie mit uns in Kontakt gekommen sind. Das habe ich in meinem ehrenamtlichen Tun in der Arbeitsgemeinschaft versucht, bin dann aber auch an Grenzen gestoßen und habe mich dazu entschieden, Platz für jemand Neues zu machen. Jetzt möchte ich mich mehr auf die Uni und das Thema Schwerbehindertenbeauftragter konzentrieren. Meine Aufgabe ist es dann immer noch Brücken zu bauen, aber dann zwischen Angestellten und Uni. In der Uni-Verwaltung haben wir circa 9000 Beschäftigte, davon haben in etwa 200 eine anerkannte Behinderung.
Wütend sein als Mensch mit Behinderung ist okay. Aber nach dem Wütend sein ist auch ganz wichtig, dass man offen bleibt für Kompromisse und für Gespräche, dass man sich Verbündete sucht, Vereine oder Initiativen, so dass man was bewegen kann.
Wütend sein als Mensch mit Behinderung ist okay. Unzufrieden sein mit dem, was ist mit Blick auf die Möglichkeiten, die wir hätten, passiert ist auch okay. Aber nach dem Wütend sein ist auch ganz wichtig, dass man offen bleibt für Kompromisse und für Gespräche, dass man sich Verbündete sucht, Vereine oder Initiativen, so dass man was bewegen kann. Und manche Dinge brauchen Zeit. Man braucht Geduld. Nicht aufgeben, weitermachen. Und wenn ihr müde seid und aufgeben wollt, sucht euch jemanden, der mit euch gemeinsam wieder aufsteht. Um Hilfe zu bitten ist keine Schwäche.
Interview geführt am: 12. Juni 2026
Interview veröffentlicht am: 22. Oktober 2026

