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Johanna, Dresden

Die Erfahrungen in Belgien haben mich total positiv beeinflusst. Davor hatte ich Menschen mit Behinderung gar nicht so im Blickfeld.

Ich komme ursprünglich aus Dresden und bin nach dem Abitur nach Belgien gegangen, um ein freiwilliges soziales Jahr (FSJ) bzw. einen Freiwilligendienst zu absolvieren. FSJ sagt man dazu im Ausland nicht. In Belgien habe ich in Ciney gewohnt. Gearbeitet habe ich in einem 5000-Einwohner-Ort in der Nähe von Ciney.

Eigentlich bestand meine Haupttätigkeit darin, in einem Kinder- und Jugendheim zu arbeiten. Als ich dort im Oktober 2020 ankam, habe ich mich zuerst mit der Leiterin des Kinder- und Jugendheims unterhalten. Erst in dem Gespräch kam tatsächlich heraus, dass sie auch möchte, dass ich einmal pro Woche in einer Art Wohnhaus für Menschen mit Behinderungen arbeite. Sie hat mich gefragt, ob ich mir das vorstellen könnte. Am Anfang war ich etwas perplex, aber ich konnte es mir vorstellen. Zuerst habe ich mich aber im Kinder- und Jugendheim eingearbeitet. Nach circa drei Wochen bin ich dann in Begleitung einer Kollegin, die bereits mit Menschen mit Behinderungen gearbeitet hatte, in das Wohnhaus gegangen.

In dem dreistöckigen Haus leben Menschen mit Behinderungen eigenständig. Es gibt eine Etage, in der Menschen mit Behinderung in einer WG zusammenwohnen und zwei Etagen, wo die Menschen mit Behinderung ihre eigenen Wohnungen haben. In der WG teilen sie sich Küche und Bad, und in den anderen Wohnungen haben die Bewohner alles für sich selbst.

Wir haben kleine Lernspiele gemacht, aber auch politische Themen besprochen.

Wir sind dann von außen mit einem Freizeitangebot gekommen. Meine Kolleginnen haben mit den Bewohnern auch über rechtliche und finanzielle Dinge geredet und beraten. Das habe ich nicht gemacht, weil mir dazu die Ausbildung fehlt. Diese Kolleginnen waren Angestellte der Menschen mit Behinderung, sie gehörten nicht zu dem Kinder- und Jugendheim. Das Kinder- und Jugendheim, in dem ich gearbeitet habe und das Wohnhaus für Menschen mit Behinderung waren im gleichen Ort. Und meine Chefin wusste, dass es für die Menschen mit Behinderung eine Bereicherung sein kann, wenn jemand wie ich aus dem Ausland vorbeikommt und sich mit ihnen beschäftigt.

Ab Anfang November habe ich das Freizeitangebot für die Menschen mit Behinderung mit einer Kollegin gemacht. Ich bin immer freitags hingefahren und habe meine Kollegin bei ihrem Programm unterstützt. Das war dann manchmal basteln oder kleine Spiele spielen. Wir haben kleine Lernspiele gemacht, aber auch politische Themen besprochen. Der jüngste Bewohner dort war 22 und der Älteste circa 50. Die Bewohner hatten geistige Einschränkungen. Alle haben französisch geredet und deshalb war es für mich am Anfang gar nicht so ersichtlich, welche Einschränkungen die Bewohner haben. Erst später, als ich viel Kontakt zu den einzelnen Menschen hatte und mich mit ihnen unterhalten habe, habe ich gemerkt, dass manche in manchen Bereichen Schwierigkeiten hatten. Die Bewohner brauchten im Alltag in manchen Punkten Unterstützung und in anderen Sachen waren sie fit.

Ein Bewohner beispielsweise konnte extrem gut rechnen, also besser als ich. Wir haben manchmal Spiele gespielt, bei denen man im Kopf schnell die Punkte zusammenrechnen musste. Er wusste das Ergebnis schon, da hatte ich noch nicht einmal angefangen zu rechnen. Aber er war emotional auf einem anderen Niveau, weil er Dinge ganz langsam verarbeitet hat. Er hat dann manchmal sehr emotional auf Dinge reagiert, bei denen ich sagen würde: Ach, das ist doch eine Kleinigkeit. Aber für ihn hat es eine extrem große Rolle gespielt.

Ich hatte den Eindruck, dass in dem Ort, wo ich war, die Menschen mit Behinderung gut integriert sind.

In der einen Wohnung hat ein Pärchen gelebt, das war ganz süß. Die waren auch schon seit mehreren Jahren zusammen. Sie haben sich gegenseitig bei Dingen unterstützt, die der eine bzw. der andere nicht konnte. Das war schön zu sehen. Das hat mich immer glücklich gemacht zu sehen, wie harmonisch die zwei miteinander umgegangen sind.

Ob es in Belgien anders ist als bei uns in Deutschland kann ich nicht richtig einschätzen, denn in Deutschland habe ich noch nicht mit Menschen mit Behinderungen zusammengearbeitet. Ich weiß, dass es in Belgien so ist, dass es Orte gibt, wo die Menschen mit Behinderung tagsüber zusammenkommen und an Freizeitangeboten teilnehmen können oder auch Unterstützung für bestimmte Probleme erhalten.

Ich hatte den Eindruck, dass in dem Ort, wo ich war, die Menschen mit Behinderung gut integriert sind. Es war richtig schön zu sehen, dass sie manchmal spazieren waren und jemanden getroffen und mit dem geplauscht haben. Einige aus dem Wohnhaus haben auch gearbeitet. Ein Bewohner hat beispielsweise in dem Kinder- und Jugenheim geputzt. Eine andere Bewohnerin hat in der Küche geholfen. Und mir kam es immer so vor, als ob mit ihnen auf Augenhöhe gesprochen wurde. Das, was ich mitbekommen habe, war sehr wohltuend.

[...] an dem Tag, an dem ich mit den Menschen mit Behinderung gearbeitet habe, habe ich gemerkt, dass da ganz viel zurückkommt.

Da ich vorher noch keinen Kontakt zu Menschen mit Behinderung hatte, hatte ich am Anfang komische Vorstellungen im Kopf. Ich wusste nicht, welchen Grad der Behinderung die Bewohner haben. Ich dachte, vielleicht wohnen dort Menschen, mit denen ich mich gar nicht unterhalten oder austauschen kann. Ich wusste auch nicht, ob ich pflegerische Aufgaben übernehmen sollte. Deshalb habe ich es mir am Anfang ziemlich schwierig und herausfordernd vorgestellt.

Für mich war das eine mentale Umstellung, aber als ich dann das erste Mal Kontakt zu den Bewohnern im Wohnhaus hatte, habe ich gemerkt, dass ich mich sofort wohl gefühlt habe. Es gab eine Bewohnerin, die hat mir gleich beim zweiten Mal ein Freundschaftsarmband gegeben. Und da habe ich gedacht: Wow!

Vielleicht ist es auch der Kontrast zum Kinder- und Jugendheim. Dort arbeitet man mit Kindern und Jugendlichen, die mit sich zu kämpfen haben, weil sie Dinge in der Vergangenheit erlebt haben. Deshalb muss man sich um diese jungen Menschen bemühen. Ihnen muss man ganz viel geben, viel Aufmerksamkeit und Zuwendung. Und an dem Tag, an dem ich mit den Menschen mit Behinderung gearbeitet habe, habe ich gemerkt, dass da ganz viel zurückkommt. Ich gebe etwas und sie geben ganz viel zurück, einfach, weil sie so glücklich sind, dass man ihnen Aufmerksamkeit schenkt. Das hat mir sehr gutgetan. Deshalb war der Tag im Wohnhaus mein Lieblingstag.

Ab Februar 2021 habe ich das Freizeitangebot für die Menschen mit Behinderungen dann alleine gemacht. Ich bin mit ihnen spazieren oder in die Bücherei gegangen, wir haben Dokus geguckt und darüber geredet. Ich fühlte mich dort sehr frei und konnte viele Dinge machen. Aber ich habe auch gemerkt, dass ich durch die ganze Freiheit eine Machtposition hatte. Ich habe versucht positiv auf die Menschen einzuwirken und meine Position nicht auszunutzen.

Die Erfahrungen in Belgien haben mich total positiv beeinflusst. Davor hatte ich Menschen mit Behinderung gar nicht so im Blickfeld. Ich habe nicht gewusst, mit welchen Herausforderungen Menschen mit Behinderungen im Alltag zu kämpfen haben. Mir war vorher auch nicht klar, wie ich mit ihnen umgehen kann. Vor Belgien ist mir manchmal ein Mensch im Rollstuhl auf der Straße begegnet. Da wusste ich oft nicht, wie der normale Umgang mit demjenigen ist. Soll ich hingucken, soll ich weggucken? Ich wusste nicht, wie ich mich verhalten soll, denn ich wollte dem anderen das Gefühl geben, dass ich ihn als Mensch sehe. Ich wusste aber nicht, was ich in der Situation machen sollte. Jetzt habe ich mehr Sicherheit im Umgang mit solchen Situationen. Außerdem hat es mir geholfen im generellen Umgang mit Menschen nachsichtiger zu sein. Ich sehe und akzeptiere jetzt, dass jeder Mensch unterschiedlich ist.

Jetzt studiere ich Soziale Arbeit und werde sehen, in welchem Feld ich später mal arbeiten werde. Aber die Arbeit mit Menschen mit Behinderung kann ich mir gut vorstellen. Das würde mir sehr viel Freude bereiten.

Interview geführt am: 17.05.2022

Interview veröffentlicht am: 26.07.2022