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Johannes Hohl, Dresden

Herr Schulz: "Es ist sensationell. 2019 liefen nur 9 Para-Sportler die 400 m Distanz unter 50 Sekunden. Johannes ist mit 50:03 der zehnt Beste."

Thomas Schulz (Vater von Johannes): Johannes betreibt Parasport und trainiert seit 2017 Leichtathletik als Leistungssportler in Cottbus. Im Parasport werden die Sportler auf Grund Ihrer Behinderung klassifiziert.

Johannes Hohl: Ich laufe die 400 m Strecke in der T20iger.

Thomas Schulz: Johannes würde lieber 800 m laufen, da wäre er auch stärker. Aber es gibt nur diese drei olympischen Disziplinen, deshalb läuft er die 400 m.

Thomas Schulz: T20 bedeutet, dass die Sportler eine geistige Beeinträchtigung haben. Wenn jemandem ein Arm fehlt ist er beispielsweise T46. Bei den T20igern gibt es aber nur drei Disziplinen, die freigegeben sind: der 400 m Lauf, Weitsprung und der 1500 m Lauf. Johannes würde lieber 800 m laufen, da wäre er auch stärker. Aber es gibt nur diese drei olympischen Disziplinen, deshalb läuft er die 400 m.

Johannes Hohl: An der Sportschule in Cottbus gibt es den Olympischen Sport. Da gibt es ganz normale Trainer und es gibt Trainer, die sind spezialisiert. Die können auch behinderte Menschen trainieren. Es gibt gemischte Klassen, da ist z.B. ein Blinder mit den anderen Sportlern zusammen. Dann gehen die zum Training und der Blinde geht nicht in die Gruppe rein, wo die ganzen anderen Sportler sind, sondern er geht dann zu einer anderen Trainerin. Die ist dann darauf spezialisiert, ihn zu trainieren.

Thomas Schulz: Wegen der Corona-Pandemie wurden die Olympischen Spiele nun um ein Jahr verschoben. Jetzt hat Johannes eine reale Chance, es 2021 nach Tokio zu schaffen.

Thomas Schulz: 2020 wären ja die Paralympischen Spiele gewesen. Weil er aber erst seit zweieinhalb Jahren richtig trainiert, hätte er die nicht geschafft. Wegen der Corona-Pandemie wurden die Olympischen Spiele nun um ein Jahr verschoben. Jetzt hat Johannes eine reale Chance, es 2021 nach Tokio zu schaffen. Die Paralympics sind immer 3-4 Wochen nach den Olympischen Spielen, nach den „Spielen der Fußgänger“.

Bei den T20igern ist es ganz schwer zu sagen, ob da betrogen wird oder nicht. 1992 waren die Olympischen Spiele in Barcelona und die Paralympics in Madrid. Da haben sich zwei Journalisten bei der Basketballmannschaft geistig behinderter Menschen eingeschlichen. Diese Mannschaft ist dann Olympiasieger geworden. Die Journalisten haben später alles aufgedeckt und gesagt: Hier wird noch nicht richtig getestet. Dadurch wurde die betreffende Mannschaft disqualifiziert.

Es ist nicht einfach, den IQ festzustellen. Wenn die sich bei der Qualifizierung hinstellen und immer nur „Nein“ sagen, dann kann das niemand überprüfen. Eigentlich müsste man ein System schaffen, bei dem alle zur Gruppe der T20 gehören, die einen IQ zwischen 50 und 70 haben. Da kann ich nicht nur „Nein“ sagen. Aber da kann ich auch nicht beeinflussen, wenn ich über die 70 hinausschieße. Ich weiß nicht, ob das messbar ist. Johannes hat eine Qualifikation in Dortmund machen müssen, wo er als 16 jähriger schon bei der Europameisterschaft der Männer dabei gewesen ist. Das war nicht ganz ohne. Da musste er schon eine gewisse Schulkenntnis aus seiner Förderschule haben, um das zu verstehen.

Johannes Hohl: Wo ich in der Schweiz war, gab es auch eine Klassifizierung. Da war auch eine Dame dabei, die mir das alles erklärt hat, weil das alles auf Englisch war. Ich musste das alles machen. Aber die anderen Typen haben einfach nur mit dem Kopf geschüttelt. Ich könnte mir vorstellen, dass die das konnten, aber trotzdem nur mit dem Kopf geschüttelt haben.

Thomas Schulz: Ob man Olympiasieger wird, das hängt natürlich von vielen Faktoren ab. Aber 2024 ins Finale zu kommen, das wäre doch schon etwas.

Thomas Schulz: Johannes steht auch unter ständiger Dopingkontrolle. In Russland z.B. gibt es für einen Olympiasieger 100.000 Euro. Da weiß man, warum die alles nehmen, was geht. Johannes wäre mit der Zeit, die er heute läuft, in der Weltrangliste 2019 der Zehnte gewesen. Momentan steht er auf Platz drei, aber die anderen sind ja nicht gelaufen. Es ist sensationell. Es laufen nur 9 Sportler die 400 m Distanz unter 50 Sekunden. Er ist mit 50:03 der zehnt Beste.

Das ganz große Ziel nach den Olympischen Spielen in Tokyo ist Paris 2024.

Ob man Olympiasieger wird, das hängt natürlich von vielen Faktoren ab. Aber 2024 ins Finale zu kommen, das wäre doch schon etwas. Johannes hat seit September 2019 hart trainiert. Er ist zwar kein Trainingsweltmeister und daran verzweifelt seine Trainerin auch. Doch am 18.06.2020 hatte Johannes den ersten Freiluft-Wettkampf. Obwohl Johannes gegen die Sportler aus seiner eigenen Trainingsgruppe gerannt ist, ist er sensationell gelaufen. Seine beste Zeit vor dem Lauf war 51:32 und dann läuft er 50:03 und ist damit nur noch eine winzige Sekunde von der Olympianorm entfernt. Kurz davor war er bei Lisa im Trainingslager. Er hat Idealgewicht erreicht, weil Lisa den Brotkorb hoch gehängt hat, nur noch gesunde Ernährung.

Lisa: Ich habe mir die Zeit genommen zu schauen, was braucht Johannes für Unterstützung, wo sind die Ressourcen. Johannes ist zu mir nach Neu-Isenburg gekommen. Wir haben dort einen Sportpark und eine Laufbahn. Da habe ich es quasi übernommen ihn zu trainieren. Der Trainingsplan wurde mit seinem Trainer abgestimmt. Ich habe viel recherchiert, welches Training bei Johannes funktionieren könnte und welches nicht. Johannes braucht alles bildlich vor sich. Ein Text hilft ihm nicht. Hat er ein Bild, macht er sein Ding allein. Frühstück und Abendbrot haben wir zusammen gemacht. Das Mittagessen habe ich gekocht, damit er sich in der Zeit duschen kann. Ich habe auch die Trainingseinheiten, die für mich machbar sind, mitgemacht, damit er da motiviert wird. Da haben wir auch einen Deal gemacht. Er sollte an seiner Körperhaltung arbeiten, so dass der Kopf beim Laufen oben bleibt. Das hatte er noch so vom Fußballtraining drin, dass er immer beim Laufen nach unten schaut. Aber das beschwert ja die Atemwege. Ich habe Rückendehnung mit ihm gemacht und nach den 2 Wochen Training war der Kopf oben. Da war Johannes sehr stolz auf sich. Wenn man für Johannes etwas erreichen will, dann braucht man wirklich Zeit. Man kann nicht verlangen, dass das nach 3 Tagen sitzt. Dann sind es nun mal 2 Wochen, aber jetzt hat er es verinnerlicht.

Johannes Hohl: Wenn ich 2024 nach Paris fahren könnte, dann wäre ich schon das zweite Mal in Paris. Wir waren auch schon zum Training in Dubai und zu Wettkämpfen in Südafrika.

Thomas Schulz: Normalerweise wäre Johannes jetzt schon zwei Jahre in der Werkstatt, und hätte nicht so viel erlebt. Das hat er sich selbst durch seine Leistung und seine Muskeln ermöglicht. Allein dieses soziale Umfeld. Machen wir uns nichts vor: Es ist eine Einbahnstraße, wenn man in die Werkstatt reingeht.

Ich kenne krasse Beispiele. Da wurde den jungen Menschen gesagt: Entweder du gehst  in die Werkstatt oder zum Sport. Aber ein Zwischending, dass wir dich freistellen, damit du zum Wettkampf fahren kannst, das geht nicht. Das ist das Thema „billige Arbeitskräfte“.

Um Johannes Behinderung besser greifbar zu machen, wurde ein psychiatrisches Gutachten erstellt. Da kam heraus, dass Johannes eine Art Demenz hat, ähnlich wie bei älteren Menschen. Ein Beispiel: Johannes geht mit Lisa ins Dynamo-Stadion in den K-Block. Ich gehe in den Familienblock. Danach treffen wir uns. Emotional weiß er schon, ob seine Mannschaft gewonnen oder verloren hat. Aber er hat Schwierigkeiten, sich an das Ergebnis zu erinnern. In zwei Jahren erzählt er uns dann aber, wer die Tore geschossen hat. Das Ultrakurzzeitgedächtnis funktioniert bei ihm nicht richtig.

Thomas Schulz: In der Gruppe der Behinderten Menschen wird Johannes eindeutig diskriminiert.

Lisa: Sein Gedächtnis kann man nur durch Wiederholen trainieren. Johannes braucht eine längere Verarbeitungszeit, ehe es dann angekommen und gespeichert ist.

Thomas Schulz: Aber Johannes ist trotzdem nicht erwerbsgemindert. Der Rentenversicherungsträger macht eine abstrakte Betrachtung und fragt: Kann Johannes mehr als 6 Stunden, egal in welcher Tätigkeit, arbeiten. Ja, das kann er. Also ist er laut Sozialamt nicht erwerbsgemindert. Im ersten Gutachten stand aber drin, dass er zwar arbeiten kann, aber eine ständige Kontrolle nötig ist. Er kann keine Verantwortung übernehmen und keine Arbeit unter Zeitdruck ausführen. Das ist eine Gratwanderung.

In der Gruppe der Behinderten Menschen wird Johannes eindeutig diskriminiert. Das hat mir auch die Antidiskriminierungsbehörde Sachsen bestätigt. Ich werde mit dem nächsten Schreiben vom Sozialamt vor das Sozialgericht gehen. Wenn er integriert werden soll, dann geht es. Aber wenn wir das Thema Inklusion nehmen, da spielt keiner mit.

Mir als Vater geht es darum, dass Johannes ein bisschen Geld bekommt. Er bekommt zwar 300 Euro Förderung, aber wenn er sich morgen verletzt, dann bekommt er sie vielleicht nicht mehr. 200 Euro bekommt er über die Sporthilfe der Nationalmannschaft und 100 Euro über den Behindertensportverband Brandenburg.

Johannes bekommt auch keine Sozialhilfe und keine Entgeltpunkte für die Rentenversicherung. Alles mit der Begründung: Er arbeitet nicht in der Werkstatt.

Johannes hat von der Agentur für Arbeit einen Nachweis, ein nach Aktenlage erstelltes Gutachten, dass Johannes in einer Werkstatt arbeiten kann und muss. Jetzt beim letzten Gutachten, welches ein Psychiater aus Kreischa gemacht hat, steht drin: Johannes wäre ein Leuchtturm innerhalb der Werkstatt. Das glaube ich auch. Aber das ist ja nicht das Ziel der ganzen Angelegenheit. Johannes hat die Förderschule absolviert. Eigentlich war der Weg „Werkstatt“ gut. Bis dahin hat er Fußball gespielt und dann kam das Thema Leichtathletik. Jetzt wo er in Cottbus als „Profi“ trainiert, ist das sein Weg. 

Mit der Unterstützung von Johannes erstem Trainer gehe ich bald zum Leiter der Lebenshilfe-Werkstatt Pirna-Sebnitz. Der Leiter ist sehr offen. Vielleicht klappt es dort, dass Johannes einen Arbeitsvertrag bekommt, bei dem er für den Sport freigestellt wird. Damit könnte ich zum Sozialamt gehen. Dann würde er erstmal Sozialhilfe bekommen und wäre im System drin.

Ich möchte auch, dass Johannes sich als Persönlichkeit verselbständigt, mit einer eigenen Wohnung. Natürlich im Umfeld seiner Familie, damit man kurze Wege hat.

Lisa, seine Schwester, studiert in Frankfurt am Main. Er könnte auch irgendwann zu ihr ziehen. Wenn ich mal nicht mehr da sein sollte, muss ja auch das Leben weitergehen. Also lieber rechtzeitig anfangen. Momentan kann ich aber keine Wohnung für Johannes anmieten, denn falls das mal mit dem Sport nicht mehr klappen sollte, bricht alles zusammen.

Ich möchte außerdem für Johannes Sponsoren finden, so dass er bis 2024 unterstützt wird und sich auf die Paralympics vorbereiten kann. Johannes kann sich parallel dazu sehr gut vorstellen, dass er so eine Art Trainerassistenz-Ausbildung macht. Man kann ihm mit Sicherheit keine Verantwortung als Übungsleiter übertragen. Aber warum kann er nicht in der Schule als Peer arbeiten? Peereffekt – Behinderte Menschen unterstützen behinderte Menschen. Er könnte doch mit einem ausgebildeten Pädagogen den Schulsport oder am Nachmittag die Sport-AGs begleiten. Dass er damit keine Millionen verdient, ist mir vollkommen klar. Aber es ist eine Perspektive.

Ich habe beim Amt für Eingliederungshilfe Geld beantragt, um diese Trainerassistenz-Ausbildung zu finanzieren. Da schauten mich fünf weibliche Augenpaare an: so Väterchen, von was redest du da? Der kann doch in die Werkstatt gehen. Da müssen wir uns doch jetzt nicht anstrengen. Das mit dem Sport, ist das nicht ein bisschen verrückt, was sie da wollen?

Johannes Hohl: Für mich ist der Sport meine Arbeit.

Lisa: Aber Inklusion funktioniert ja anders. Jeder ist so individuell einzugliedern, dass er sich entfalten kann. Ich will nicht sagen, dass das Konzept der Werkstatt schlecht ist. Es ist immer aus der Perspektive jedes einzelnen zu betrachten. Beim Johannes wissen wir, dass er da eingehen würde. Das macht ihm keinen Spaß.

Johannes Hohl: Da hat es mir schon beim ersten Mal nicht gefallen.

Thomas Schulz: Wenn man in eine Werkstatt gehen und danach in einer Tischlerei oder in der Fahrradwerkstatt arbeiten kann, dann muss es doch auch möglich sein, auf diesem Niveau eine Ausbildung im Sport zu bekommen.

Lisa: Erklären kann er sehr gut. Ich habe in den zwei Wochen sehr, sehr viel von ihm gelernt.

Johannes Hohl: Für mich ist der Sport meine Arbeit.

Thomas Schulz: Der Sport ist schwerer als die Arbeit in der Werkstatt. Ich möchte keine 15 bis 20 Stunden in der Woche trainieren müssen. Zurzeit ist das Training etwas runtergefahren. Montag ist er früh nach Cottbus gefahren und war am Nachmittag zum Ersttraining. Er ist über Nacht im Internat geblieben. Dienstagabend ist er wiedergekommen. Mittwoch ist er hier alleine gerannt. Donnerstag und Freitag war er wieder in Cottbus zum Trainieren. Manchmal muss er dann am Wochenende trotzdem noch Runden laufen.

Lisa: Selbst am zweiten Weihnachtsfeiertag, seinem Geburtstag, ist er früh um 6 aufgestanden, um nach Cottbus zu fahren und zu trainieren. Er hat gesagt: Wer nicht trainiert, kann auch keine Leistung bringen.

Thomas Schulz: Für mich wäre es ganz, ganz wichtig, dass ich das mit dem Sozialamt hinbekomme, dass Johannes Anspruch auf Sozialleistungen hat. Und dann gehe ich los und spreche alle großen Unternehmen an. Wenn ich dann genügend Sponsoren für Johannes habe, die monatlich sagen wir mal 1500 Euro geben, dann brauchen wir das Sozialamt nicht mehr. Aber im Fall der Fälle kann er wieder zum Sozialamt zurückgehen, wenn es nicht mehr läuft. Er braucht sich ja nur schwer verletzen, dann ist es das gewesen. Man müsste Sponsoren finden, die das Konzept bis 2024 mittragen. Dann ist er im besten Leichtathletik-Alter. Vier Jahre später ginge mit 30 Jahren Los Angeles vielleicht auch noch. Warum soll er nicht so lange machen, was er am besten kann? In der Zeit kann man hoffentlich die Schiene der Trainerassistenz weiter fahren.

Das Problem ist: Wenn Johannes mit dem Adler auf der Brust ins olympische Finale kommt, sagen die Journalisten: Toll, was das Land dem Johannes alles ermöglicht hat. Dann sage ich: Ja, das stimmt. Aber das kommt alles aus dem Sportbereich. Bei allem anderen gibt es nur Nein-Sager.

Die beste Inklusion hatte Johannes im Fußball, da spielte er beim FV Dresden Südwest. Alle wussten, dass Johannes eine Behinderung hat. Johannes hat mit den anderen in der höchsten sächsischen Spielklasse gespielt, weil er mit Ski-Stiefeln rückwärts schneller war, als die anderen mit Fußballschuhen vorwärts.

Lisa: Er wurde auch so als Mensch in seiner Persönlichkeit wirklich akzeptiert und hat dort auch gute Freunde gehabt. Das war ein faires Miteinander.

Thomas Schulz: Am Knappensee in Hoyerswerda findet immer der KnappenMan-Lauf statt. Da hat Johannes dieses Jahr mit seinen Leuten am Triathlon teilgenommen. Man konnte es als Triathlon-Staffel machen. Ein Para-Schwimmer, ein Para-Fahrradfahrer und Johannes als Para-Läufer. Sein Team ist von 26 Teams, wovon nur 2 Para-Teams waren, dritter geworden. Er ist 10 km gerannt. Er macht es einfach. Da waren sie überrascht, dass sie so gut platziert waren. Es wäre ja töricht, wenn er dieses Talent nicht weiter nutzen würde.

Flyer: Johannes Weg zu den Paralympics (PDF, 17 MB)

Veröffentlicht am: 10.03.2021

Interview geführt am: 01.09.2020