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„Blind Yoga“ auf dem Louis Braille Festival in Leipzig

Persönliche Einblicke in Leben und Beruf des blinden Yoga-Lehrers Tobias Weber

Das Louis Braille Festival in Leipzig hat vom 5. bis 7. Juli 2019 ca. 3000 blinde und sehbehinderte Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus ganz Deutschland nach Leipzig gezogen und war damit das größte Treffen für diese Zielgruppe in Europa. 150 Künstlerinnen, Künstler und Akteure, 150 Helferinnen und Helfer gemeinsam mit 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Veranstalter DBSV und DZB sorgten für die rund 120 Veranstaltungen des eigentlichen Festivals, hinzu kam ein umfangreiches Begleitprogramm an vielen Orten der Stadt Leipzig mit 40 weiteren Angeboten. Als Yogalehrerin mit einem Faible für Inklusion habe ich mich natürlich sofort zu dem angebotenem „Blind Yoga“ angemeldet.

Barrierefreiheit auf vielen Wegen

Schon die Anfahrt  mit der Straßenbahn zur Leipziger Kongresshalle am Zoo war anders als gewohnt: Am Hauptbahnhof wurden die Besucherinnen und Besucher des Festivals akustisch über Lautsprecher begrüßt und verbal in die entsprechende Bahnlinie geleitet, Assistenten der Leipziger Verkehrsbetriebe führten einzelne Menschen in die Bahnen. Auf dem Bahnsteig waren ungewöhnlich viele Begleithunde und Blindenstöcke zu sehen. Auch an der entsprechenden Haltestelle wurde man freundlich empfangen und nach Unterstützungsbedarf gefragt. Der Veranstaltungsort, die Kongresshalle, war voll von freudig erregten Menschen und entspannten Hunden – ein Gewirr von Geräuschen und Eindrücken. Ein roter Teppich erleichterte die Orientierung zu den entsprechenden Veranstaltungsräumen.

Eine (fast) gewöhnliche Yoga-Stunde

Für die geplanten 25 Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Yogastunde waren im „Händel-Saal“ Matten ausgelegt – allerdings haben weitere 25 die umgebenden Stühle besetzt. Im Eingangsbereich bot Tobias Weber sehenden Teilnehmerinnen und Teilnehmern eine Augenmaske an, um tatsächlich „nicht sehend“ an der Stunde teilzunehmen. Das aufgeregte Gewusel verstummte angenehm schnell beim einstimmenden dreifachen „Om“ von Tobias. Souverän und entspannt begann er sich und seine beiden Assistentinnen (eine sehende und eine sehbeeinträchtigte Yogini) vorzustellen und uns auf die Yogastunde vorzubereiten. Zu Beginn haben wir uns auf den Rücken gelegt, reingefühlt und uns versucht zu entspannen. Die folgenden zwei Stunden führte uns Tobias durch einfache Asanas (Körperhaltungen) mit kleinen Herausforderungen durch langes Halten. Es wurde geatmet, gestöhnt und gekichert – wie in jeder anderen Yoga Stunde auch. Seine Assistentinnen bewegten sich achtsam durch den Raum und korrigierten durch sanftes Handauflegen mal diese und jene Position. Eigentlich eine „Klasse“ wie jede andere auch – mit einer Besonderheit: der still entspannende (Blinden-)Hund begann plötzlich zu bellen, als wir uns in den Vierfüßler-Stand begaben – sicherlich irritiert, dass viele Menschen sich zeitgleich in eine Hunde-ähnliche Position begaben. Nach kurzer Erheiterung aller, war die Konzentration aber wieder bei jedem einzelnen und seinem Körper. Auch für mich als erfahrene Yoga Praktizierende ist es jedes Mal faszinierend, wie die Atmosphäre im Raum sich während einer Stunde verändert. Meist gelingt es, die Welt „draußen“ für eine Weile zu vergessen, inne zu halten und zu spüren. Durch Tobias angenehme Präsenz und seine akzeptierende Haltung hat er es wunderbar vermocht, einem das Gefühl des Yoga „Du bist gut, so wie du bist“ zu vermitteln. Natürlich war das Ambiente eines Kongresses, die vielen Teilnehmerinnen und Teilnehmer und auch der Raum nicht optimal für eine tiefe Erfahrungen, aber Tobias konnte einen guten Eindruck vermitteln, was Yoga ist und kann. Nach der Stunde wurde er umringt und mit Fragen gelöchert, was zeigt, dass er etwas bewirkt hat.

Der Weg zum blinden Yoga-Lehrer

Ich habe mir die Zeit bis zu dem verabredeten Gesprächstermin mit Tobias mit Bummeln durch die Räume vertrieben und ein bisschen Kongressluft geschnuppert. Es war wuselig und voll, aber angenehm. Konzerte, Kabarett, Disko, Informationsstände – das Angebot war sehr vielfältig und wurde augenscheinlich auch gut angenommen. Wir hatten uns die Terrasse für unser Treffen herausgesucht, mussten aber schnell einsehen, dass in dieser Unruhe kein „yogisches Gespräch“ möglich war und sind zu Tobias Hotel am Ring spaziert. Ich durfte erstmalig live erleben, wie viele Funktionen ein Blindenstock übernimmt und konnte meine anfängliche fürsorgliche Angst schnell loslassen. In der Lobby des Intercity Hotels war es kühl, ruhig und angenehm. Endlich konnte ich die Fragen stellen, die mir auf der Seele brannten: Wie bist du zum Yoga gekommen? Wie war es, die Ausbildung bei Yoga Vidya, einem der größten Yoga Zentren in Europa, dass ich als sehr verwinkelt und weitläufig wahrgenommen habe, ohne visuelle Orientierung zu absolvieren? Die Herausforderung, ohne zu sehen selber in korrekte Haltungen zu kommen, geschweige denn Gruppen zu unterrichten? „Ich habe einen langen Weg genommen, der mit einem Medizinstudium begonnen hat“, antwortet Tobias und ich bin schwer beeindruckt. „Dann haben mir zwei Profs meinen Wunsch ausgeredet, denn insbesondere Anatomie und Histologie konnte ich nicht ohne Sehkraft meistern. Ziemlich widerwillig bin ich auf Psychologie umgeschwenkt und hab aber schon während des Studiums rechts und links geschaut. Homöopathie, Gesundheitssport, etc.“ „Angefixt“ wurde Tobias von einem Dresdner Prana-Yogalehrer, der ihn inspiriert hat und ihn dazu brachte, regelmäßig allein und in der Gruppe Yoga zu machen und zu meditieren. Zufälle gibt es nicht, sagen die Yogis gerne und als sich Tobias WG-Mitbewohnerin als angehende Yogalehrerin vorstellte, machte er die ersten Kurse bei Yoga Vidya mit. 2014 entschloss er sich, selber die Ausbildung zu absolvieren. Auf meine Frage, ob er auf Hürden gestoßen sein, antwortet er: „Ja. Man hat zwar verbal vermittelt, auf mich eingestellt zu sein, aber praktisch war es dann doch schwierig. Es war kein blindengerechter Unterricht. Und am Anfang habe ich gedacht, ich bin einfach zu blöd. Heute kenne ich den Unterschied. Es hat zum Beispiel auch lange gedauert und war schwierig, das Yogalehrer-Handbuch digital zu bekommen. Erst als ich es selber in die Hand genommen habe und den Leiter der Schule direkt angesprochen habe, war es möglich. Zur Prüfung war es auch noch mal kompliziert: Den praktischen Teil konnte ich mühelos absolvieren, aber der schriftliche Teil wurde mir mündlich abgenommen. Ich habe mir selber großen Druck gemacht, weil es ja ein persönlicher Kontakt war und kein Prüfer, der mich nicht kennt. Es gab kein Regularium dafür.“

Blind Yoga als Mission und Lebensweg

Mich hat auch interessiert, ob er als blinder Yoga Lehrer einen Exotenstatus innehat und Leute zu ihm kommen, eben weil er blind ist und nicht, weil er ein guter Lehrer ist. „Inzwischen kommen auch Leute, weil ich ein guter Yogalehrer bin – aber das hat sehr lange gedauert. Am Anfang kamen die Leute, weil ich blind bin. Das hat bei mir zu Selbstzweifeln geführt. Heute sehe ich meine Erblindung einfach als Teil von mir und komme gut damit klar. Ich habe für mich realisiert, dass allein durch meine persönlichen Erfahrungen mit den Einschränkungen viele Menschen anders auf ihr eigenes Leben gucken und sich zum Beispiel nicht so viele Gedanken darüber machen, ob sie die Asanas super ausführen“. Er berichtet von einer Erfahrung, als jemand im Yoga-Zentrum erst nach mehreren Treffen gemerkt hatte, dass er blind ist und mit den Worten „krass und du bist ja blind“ auf ihn zukam und das habe zu einem Erkenntnisgewinn bei ihm persönlich geführt. Inzwischen sagt er es gleich oder benutzt seinen Stock oder die Binde als Zeichen. Wie kam er dazu Blind Yoga anzubieten? „Blind Yoga ist eine Mission und ein Lebensweg für mich. Meine eigene Blindheit fordert mich heraus und so finde ich einen Sinn darin. Ich möchte Sehenden eine Chance geben, von Blinden zu lernen. Was heißt es, immer und ständig zu vertrauen? Sich führen zu lassen? Für Blinde ist das der ganz normale Alltag – für sehende eine echte Herausforderung.“ Ich sehe die Parallelen – beim Yoga geht es sehr um das Loslassen und Vertrauen, Lenkung der Aufmerksamkeit nach innen, Achtsamkeit. Sich wahrnehmen und die Sinne für anderes öffnen. Tobias hat noch viel vor. Er möchte eine Online-Plattform schaffen, auf der er blindengerechte Ansagen für Yoga-Stunden veröffentlichen will, um mehr Blinde ans Yoga heranzuführen. Sie sollen erfahren, dass Yoga auch für Blinde möglich ist. Ich frage nach, wie sein Angebot in der Blinden-Community angenommen wird und Tobias antwortet: „Das Feedback ist sehr positiv, aber für mich auch eine Herausforderung, weil die Zielgruppe wenig Erfahrungen mit Sport und Köperbewusstsein hat.“ Wir plaudern noch ein wenig über inklusives Yoga für alle und wie das aussehen könnte. Tauschen Erfahrungen aus und verabschieden uns dann mit der Gewissheit, dass wir uns sicher „wiedersehen“ werden. Mehr Informationen zu Tobias Weber und seinen Angeboten

Sonja Golinski, Regionalbeauftragte des Inklusionsnetzwerkes Sachsen