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André Brendle, Zwickau

Blinde Menschen können sehr leistungsfähig sein.

Seit 2014 bin ich im Verein „activ leben e. V“ angestellt. Ich sollte anfangs als Ansprechpartner im Büro fungieren. Wenn z.B. jemand eine Hausnotruf-Beratung oder eine Wohnberatung für Senioren und Menschen mit Behinderung braucht. Später kam die Idee dazu, dass wir ein Netzwerk für Senioren aufbauen wollten. Das sollte eine Internetseite werden, die mittlerweile unter www.sachsen-senioren.de zu finden ist.

Ich betreue das Netzwerk nun schon seit 6 Jahren. Es ist eine barrierefreie Internetplattform für Senioren und Menschen mit Behinderung. Bisher sind ungefähr 200 Netzwerkpartner eingetragen. Darunter sind große und kleine Firmen und Start-Ups, Vereine, sowie auch Beratungsstellen. Die  Netzwerkpartner können ihre Angebote und Produkte über uns bekannt machen. Wir nutzen unser Seniorennetzwerk natürlich auch, um Aktionen zu organisieren. Dafür wäre z.B. eine engere Zusammenarbeit mit dem Inklusionsnetzwerk-Sachsen vorstellbar. Wir könnten zusammen Veranstaltungen zum Thema Barrierefreiheit oder barrierefreie Dokumente durchführen.

Bevor ich zum Verein gekommen bin, war ich eine Zeit lang in der Deutschen Privaten Finanzakademie angestellt. Das ist ein Bildungsträger für Gesundheits- und Sozialberufe. Dort habe ich die Chance genutzt, den Fachschülern das Thema Blindheit und Sehbehinderung näher zu bringen. Falls sie im Beruf mal damit zu tun haben, sollten sie wissen was Betroffene brauchen und was wichtig für die Gestaltung der Umwelt ist. Ich habe für diese Schulung Baukästen mitgehabt, mit denen man Blindenleitsysteme nachstellen kann. Das ist eine ganz tolle Geschichte, damit die Menschen wissen wie so ein Blindenleitsystem aussieht.

Meine Ausbildung habe ich in Chemnitz, im sächsischen Förderzentrum für Blinde und Sehbehinderte, gemacht. Ich habe danach eine ganze Weile in Zwickau gearbeitet, bis ich dann 2012 arbeitslos geworden bin. Dann kam eine schwierige Zeit, in der ich viele Probleme mit der Agentur für Arbeit hatte. Eigentlich wollte ich in Halle am Berufsförderungswerk für Blinde und Sehbehinderte eine Weiterbildung zum medizinischen Dokumentationsassistenten machen. Das hat aber nicht geklappt, denn ich sollte erst ins Hartz IV rutschen. Erst dann kann man über eine Weiterbildung nachdenken, wurde mir gesagt. Das fand ich aber großen Quatsch, denn hier werden Menschen mit Behinderung, die eigentlich etwas erreichen wollen, Barrieren in den Weg gelegt. Ich habe mir deshalb in Hohenstein-Ernstthal eine Anwältin für Sozialrecht gesucht. Ihr Name ist Sabine Weisigk. Ich habe ihr meinen Sachverhalt geschildert. Und sie hat mir sofort geholfen.

Leider gab es für mich keine andere Möglichkeit, als bei einer staatlichen Maßnahme speziell für Blinde mitzumachen, die sich 1+11 nannte. Sie beinhaltete eine blindentechnische Grundausbildung für einen Monat. Anschließend wurde ich dann elf Monate für den Arbeitsmarkt fit gemacht. So musste ich im Jahr 2012 einen Monat lang noch einmal diese Vorbereitungsphase durchlaufen. Ich durfte Zwiebeln schnippeln, Wäsche zusammenlegen und zeigen, dass ich alleine einkaufen gehen kann. Für Menschen, die neu erblinden, ist so etwas natürlich wichtig, aber für mich war das im Prinzip vergeudete Zeit. Aber es musste gemacht werden, weil es auf dem Papier stand. Ich wurde in diesem einen Monat von den Mobilitäts-Trainern begleitet, die geschaut haben, ob ich das alles kann. Das war natürlich alles kein Problem für mich.

Danach ging es ans Eingemachte. Ich habe einen Vertrag unterzeichnet und sollte in diese „Elfer Maßnahme“ einsteigen, und zwar in eine Qualifizierung im Bereich Dialogmarketing. Ich war einen Tag auf Arbeit, da bekam ich einen Anruf, dass ich sofort aufhören soll, denn für die Bundesagentur für Arbeit war die Kostenfrage nicht geklärt.

Ich musste über eine einstweilige Verfügung gegen die Bundesagentur für Arbeit klagen, damit ich meine Ausbildung weitermachen konnte. Ich hatte später im Verlauf meiner Bewerbungsphase noch eine weitere Klage wegen fehlender Fahrtkostenerstattung laufen. Auch diese habe ich gewonnen. In kürzester Zeit habe ich also zweimal gegen die Bundesagentur für Arbeit geklagt und gewonnen. Und ich möchte auf diesem Wege allen Menschen mit Behinderung sagen, dass sie ihre Rechte einfordern müssen. Denn ich wollte ja weiterkommen auf dem Arbeitsmarkt, aber mir wurden nur Hindernisse in den Weg gelegt.

Nach meiner Fortbildung habe ich bei „activ leben e.V.“ mein Praktikum absolviert und wurde danach auch eingestellt. Ich habe hier einen behindertengerechten Arbeitsplatz, mit Braille-Zeile und Headset und einem Bildschirmlesegerät erhalten. Also alles perfekt.

Ich bin fast mein ganzes Leben lang hochgradig sehbehindert. Als ich ein halbes Jahr alt war, wurde bei mir ein beidseitiger Tumor in den Augen festgestellt. Nach der Operation blieb auf dem linken Auge etwas Sehkraft, so ca. 10 %. Das rechte Auge musste aber komplett entfernt werden, deshalb ist dort ein Glasauge drin. Im Prinzip hatte ich noch Glück, dass der Tumor rechtzeitig erkannt wurde. So konnten die Metastasen nicht weiter wachsen. Wahrscheinlich hätte ich sonst Hirnschäden davon getragen.

Meine Behandlung wurde damals in der Berliner Charité durchgeführt und glücklicherweise gab es dort einiges Equipment aus der damaligen BRD. Mit fünf Jahren hatte ich dann noch einmal eine leichte Eintrübung im linken Auge, einen grauen Star. Das ist dann in Leipzig gut behandelt worden. So sind im Prinzip noch 8 % Rest-Sehfähigkeit geblieben und mit denen versuche ich mich zu orientieren. Mein Arbeitsplatz ist sehr gut auf mich angepasst. Ich erhalte auch Assistenz durch eine Arbeitsplatzassistentin, wenn ich irgendwelche Formulare ausfüllen soll oder auswärts Termine habe. 

Zum Ehrenamt bin ich nach meiner Ausbildung gekommen. Als ich noch zur Schule gegangen bin, wollte ich nicht so richtig zum Blinden- und Sehbehindertenverband Sachsen e. V. Ich dachte, da sind nur alte Leute. Ich habe mich dann aber ab 2002 immer mehr engagiert und bin dann irgendwann im Vorstand vom Blindenverband in Zwickau gelandet. Irgendwann habe ich mich gefragt: Was kann man denn im Verein noch so machen? Ich bin dann auf eine Ehrenamts-Schulung gestoßen. Dort ging es darum, die Jugendarbeit wieder aufzunehmen. Damals war ich ja selbst noch jung und fand das Thema gut. Deshalb habe ich das Thema aufgegriffen und versucht etwas aufzubauen. Wir haben  regelmäßig Jugend-Wochenenden für Blinde und Sehbehinderte veranstaltet. Ich habe dort Jugendseminare durchgeführt. Es gab Vorträge vom Integrationsamt zum Thema Bildung und Weiterbildung für Menschen mit Behinderung, vor allem mit Sehbehinderung. Aber auch zum Thema gesunde Ernährung oder Erste-Hilfe haben wir Seminare gemacht. 2008 bin ich dann in den Landesvorstand gegangen. Ich bin in die Fachgruppe im Bereich Umwelt, Verkehr und Tourismus gekommen und habe mich mit Dingen wie Blindenleitsysteme und akustische Ampeln beschäftigt. Ich bin mittlerweile der Leiter dieser Gruppe. So bin ich dann auch in Kontakt mit dem Inklusionsnetzwerk Sachsen gekommen und mittlerweile arbeiten wir ganz gut zusammen. 

In Sachsen gibt es sicherlich einige gute Entwicklungen im Bereich Inklusion. Ein Beispiel dafür ist z.B. das Archäologie Museum in Chemnitz, das smac. Dort gibt es ein tolles Blindenleitsystem, Audio-Guides und Exponate zum Anfassen. Dort kann ich als Blinder auch alleine reingehen und muss nicht immer jemanden mitnehmen, der etwas beschreibt oder erklärt. Das ist ja sonst für einen Blinden eine nicht so schöne Sache. Ein anderes Beispiel ist die Albrechtsburg in Meißen. Dort gibt es 3D-Tastmodelle, die wir zusammen mit Frau Richter und einigen anderen entwickelt haben. Wir haben uns überlegt, wie man diese Bilder tastbar machen und beschreiben kann, und wie Orientierungshilfen gestaltet werden müssen.

In der Albrechtsburg selbst konnte man kein Blindenleitsystem installieren. Deshalb haben wir die Heizungsgitter im Boden genommen. Wir haben die Bilder so im Raum angeordnet, dass man sich an diesen Heizungsgittern bis dorthin orientieren kann. Dazu haben wir dann noch einen Audio-Guide erstellt.

Und so entwickeln wir neue Konzepte und Netzwerke hier in Sachsen. Ich bin auch sehr stolz darauf, was wir bisher mit dem Senioren Netzwerk erreicht haben. Wir haben 2014 praktisch bei Null angefangen, wir hatten keine Webseite oder ähnliches.

Wir als Verein sind Träger der Webseite Sachsen-Senioren. Wir haben diese Seite zusammen mit der Firma G&G Marketing aus Hohenstein-Ernstthal aufgesetzt und erarbeitet. Frau Goerke von der Firma hat von Anfang an gesagt, dass sie die Webseite mit Rücksicht auf meine Hinweise umsetzen wird. Das betrifft z.B. die Kontraste und andere Dinge, die für Menschen mit Behinderung wichtig sind. 

Für mich geht es z.B. auch um Formulare und Verträge, die ich ausfüllen muss. Denn ganz kostenlos können wir unser Senioren Netzwerk leider nicht anbieten. Ohne Frau Goerke vorher etwas zu sagen, bekam ich von ihr ein barrierefreies PDF-Dokument, was ich ohne Probleme ausfüllen konnte. Ich benötigte zum Ausfüllen keine Hilfe. Das ist für mich gelebte Inklusion, wenn man ohne zu fragen so etwas bekommt.

Als negatives Beispiel für fehlende Inklusion fällt mir das neue Stadion in Zwickau ein. Bei der Stadionbesichtigung im Rahmen unserer Fachgruppe Umwelt, Verkehr und Tourismus im BSVS e. V.  und der damaligen Behindertenbeauftragten, Frau Werner, haben wir schnell festgestellt, dass es einige Probleme gibt. Das Blindenleitsystem vor dem Stadion war z.B. völlig falsch verlegt. Da waren alte Rillenplatten verlegt, die eigentlich nicht mehr zulässig sind. Das Stadion wurde aber erst vor drei Jahren fertiggestellt. Zu der Zeit waren solche Rillenplatten schon nicht mehr zulässig. Des Weiteren gab es keine Treppenmarkierungen, es fehlten Kontraste und auch taktile Hinweise. Oben an den Sitzplätzen waren keine Treppengeländer, an den man sich hätte festhalten können. Dann habe ich gefragt, wie es mit Audiodeskription aussieht. Daraufhin wurde mir gesagt, dass es nicht unbedingt nötig ist. Ich fragte dann, wie ein sehbehinderter oder blinder Mensch ohne Audiodeskription etwas vom Spiel mitbekommen soll. Die Antwort: Man kann es sich ja von anderen Sehenden erklären lassen. Und daraufhin habe ich nur gemeint: Wenn das Stadion voll ist, verstehe ich kein Wort.

Insgesamt haben wir uns bei der Besichtigung sehr geärgert, denn wir wurden vor dem Neubau nicht gefragt, auf was man hätte achten müssen bzgl. Barrierefreiheit. Es war wieder ein Beispiel dafür, dass vieles ohne die Betroffenen gemacht wird. Und trotzdem wird dann behauptet, es wäre barrierefrei, weil es für Rollstuhlfahrer zugänglich ist. Das ist zwar in Ordnung, aber man soll die Blinden und Gehörlosen nicht vergessen.

Aktuell arbeite ich im Projekt „Landesausstellung Industriegeschichte“ hier in Zwickau mit. Dieses Projekt wird vom Hygienemuseum durch Frau Giradelli betreut und ich helfe ihr bei der Umsetzung mit. Z.B. stellt uns das Tactile -Studio aus Berlin zwei Exponate zur Verfügung. Diese ermöglichen ein ganz anderes Erleben für Blinde, weil sie z.B. den Geruchs- und Tastsinn ansprechen. Ich helfe in diesem Rahmen mit, das taktile System und die Tast- und Hörstationen zu entwickeln. Vielleicht werde ich auch irgendwann eine Führung für Sehbehinderte und Blinde durch diese Ausstellung anbieten. Bei der Ausstellung haben wir uns z.B. auch dazu entschieden, keine langen Texte anzubringen, sondern alles in leichter Sprache zu machen. Das hilft allen.

Ich möchte, dass wir irgendwann soweit kommen, dass man nicht immer sagen muss, was man braucht, sondern dass es selbstverständlich ist. Ich möchte, dass mehr behinderte Menschen auf dem ersten Arbeitsmarkt arbeiten können. Dass diese Menschen mit Assistenz arbeiten können und Unterstützung erhalten. Die Arbeitgeber sollen keine Angst haben, behinderte Menschen einzustellen. Sie sollen nicht denken, dass behinderte Menschen nicht leistungsfähig sind. Blinde Menschen können sehr leistungsfähig sein.

Webseite des Seniorennetzwerks: https://www.sachsen-senioren.de/