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Anna und Katja, Leipzig

Katja: Wir gucken nicht nur zu, sondern wir gestalten mit.

Ich bin Anna und arbeite aktuell in einer mixed-abled Tanzkompanie im Tanzlabor Leipzig. Nebenbei mache ich eine Weiterbildung als Peer-Beraterin. Damit kann ich später in den Beratungsstellen arbeiten, vor allem in den unabhängigen Teilhabeberatungsstellen (EUTB). Beim Tanzlabor habe ich einen Minijob in der Öffentlichkeitsarbeit. Aber ich tanze gleichzeitig beim Freien Tanzen mit und mache meine Ausbildung zur Tanz-Anleiterin. Das Ausbildungsprogramm ist toll. Wir haben in diesem Rahmen schon mehrere Choreographien zusammen erarbeitet. 

Mein Name ist Katja. Ich arbeite aktuell in einer Behindertenwerkstatt der Diakonie am Thonberg. Ich bin dort im Bereich der Mediengestaltung tätig und arbeite ehrenamtlich für das Tanzlabor Leipzig. Ich mache auch bei dieser Tanzanleiter-Ausbildung mit. 

Anna: Wir haben uns über die „Rollingcats“ kennengelernt. Es gab damals in der VILLA eine Jugendgruppe, welche „Rollingcats“ genannt wurde. „Rolling“ weil wir alle im Rollstuhl saßen. Meine Mutter hat die Jugendgruppe damals mit organisiert.  

Katja: Ich muss dazu sagen, ich bin seit meinem elften Lebensjahr in der VILLA tätig. Ich habe schon viele Projekte mitgemacht, unter anderem die „Rollingcats“ und den Runden Tisch der Kinder und Jugendlichen. 

Anna: Organisiert von der VILLA, haben wir immer verschiedene Unternehmungen zusammen gemacht, Fahrten oder Projekte. Die VILLA ist ein soziokulturelles Zentrum, in dem viele verschiedene Vereine und andere Institutionen vertreten sind. Aus diesem Grund war auch eines Tages die Tanzchoreographin Heike Hennig in der VILLA.  Sie hat uns gesehen und meinte:  Lasst uns doch mal zusammen tanzen. So kam es dazu, dass wir als Jugendgruppe Tanzworkshops mit der Choreographien Heike Hennig gemacht haben. Das hat sich mit der Zeit immer mehr in Strukturen verfestigt. Irgendwann wurden dann Projektgelder beantragt und es gründete sich das Tanzlabor Leipzig. Regelmäßig bieten wir zum Beispiel Freies Tanzen an. Das findet immer alle zwei Wochen in der VILLA statt. Es wird durch verschiedene Choreographen angeboten, und jeder kann einfach kommen und tanzen. Es ist ein kostenloses und niedrigschwelliges Angebot.

Katja: Die Choreographen kommen alle aus Leipzig und sind in der Freien Szene tätig. 

Anna: Das Besondere ist wirklich, dass jeder zum Tanzen kommen kann. Es ist nicht so, dass nur Menschen mit Behinderung dorthin kommen, sondern es ist sehr gemischt. Deshalb die Bezeichnung „mixed-abled“. Wir machen zeitgenössischen Tanz, das ist eine sehr individuelle Ausdrucksform. Deshalb können alle mittanzen. Alle Personen die tanzen möchten, alle die sich bewegen möchten, können daran teilnehmen. Wir hatten mal eine Person, die konnte nur noch ihren kleinen Finger bewegen. Und dann hat sie mit ihrem kleinen Finger getanzt.

Ich steuere meinen Rollstuhl beim Tanzen mit den Händen. Es ist eine Möglichkeit mit dem Rollstuhl durch den Raum zu gehen. Man kann aber auch am Platz tanzen. Man hat die Hände, den Oberkörper, die Arme, den Kopf und das Gesicht und kann diese bewegen. Die Nase, die Ohren, man kann mit allem tanzen. Es gibt auch Leute, die schon seit Jahren professionell tanzen und die machen auch einfach mit. Es ist also ganz gemischt und kunterbunt. Es ist immer wieder schön, weil sich Menschen auf einer ganz anderen Ebene als im Alltag begegnen können.

Katja: Beim Tanzen steuere ich meinen Rollstuhl mit dem Joystick zum Rhythmus. Man kann aber auch mit einem Läufer tanzen, im Duo sozusagen. Dabei benutzt man den Rollstuhl als Tanz-Objekt. Ich sehe mich in dem Moment nicht im Rollstuhl. Ich weiß zwar, dass ich im Rollstuhl sitze, aber in dem Moment ist der Rollstuhl nicht im Vordergrund. 

Anna: Es ist ein schönes Gefühl tanzen zu können. Ich bin mit dem Gedanken aufgewachsen, dass tanzen nur etwas für Menschen ist, die laufen können. Aber jetzt geht es plötzlich auch für mich. Das ist eine tolle Sache, die da entstanden ist. 

Das Tanzlabor Leipzig bietet neben dem Freien Tanzen auch noch Workshops an, die zu bestimmten Themen an einem Wochenende stattfinden, außerdem starteten wir 2018 eine Ausbildung für TanzanleiterInnen im Freien Tanzen. Und wir haben Produktionen, mit denen wir Auftritte haben z.B. im LOFFT – Das Theater. 

Katja: Die letzte Produktion war „School of Shame“. 

Anna: Wir beide haben bei dieser Produktion nicht mit gemacht, weil wir uns gerade auf unsere Ausbildung konzentrieren. Aber das Tanzlabor Leipzig besteht aus vielen verschiedenen KünstlerInnen. Bei der letzten Produktion haben wir mit dem KünstlerInnen-Kollektiv „Polymora Inc.“ und dem LOFFT – Das Theater kooperiert. So eine Produktion gibt es einmal im Jahr. Bei der Produktion wird natürlich auf Barrierefreiheit geachtet, damit eine große Menschenmenge erreicht werden kann. Wir haben GebärdendolmetscherInnen, Audiodeskription und barrierefreie Räumlichkeiten. Die Aufführungen sind meistens ausverkauft und die Resonanz ist gut. Das ist immer eine sehr schöne Sache. Es ist beides, Spaß und Arbeit.

Katja: Das Freie Tanzen beschränkt sich auf zwei Treffen im Monat. Die Ausbildung und die Workshops finden auch am Wochenende statt.

Anna: "Es ist eben ein Prozess bis verstanden wird, dass es vielleicht nicht ganz so inklusiv ist, wenn die Laufenden sich alleine an den Tresen setzen, wo die Rollstuhlfahrenden nicht hinkommen."

Anna: Der Kontakt mit Menschen ohne Behinderung fängt meistens so an: Oh mein Gott, ich fühle mich von behinderten Menschen so bereichert und inspiriert. Nach und nach werden die Menschen aber für die Bedürfnisse und die Sprache sensibilisiert, und das merke ich gerade in meiner Ausbildung. Sie merken plötzlich Sachen. Ein kleines Beispiel: In der Pause sitzt man ja gern zusammen. Es gibt einen Tresen, der sehr hoch ist. Dort haben sich die Laufenden am Anfang gerne hingesetzt. Und wir Rollstuhlfahrenden saßen abgesondert unten am Tisch. Es ist eben ein Prozess bis verstanden wird, dass es vielleicht nicht ganz so inklusiv ist, wenn die Laufenden sich alleine an den Tresen setzen, wo die Rollstuhlfahrenden nicht hinkommen. Das hat sich aber mittlerweile geändert. Mit ein paar Hinweisen haben es die Laufenden gemerkt. 

Menschen haben verschiedene Bedürfnisse, unabhängig ob sie eine Behinderung haben oder nicht. In der Ausbildung merkt man dann, dass man darauf eingehen muss.Beim Tanzen ist es so, dass vieles ausprobiert und experimentiert wird. Man muss schauen, ob bestimmte Sachen möglich sind, oder ob man sie ändern muss.

Nach meiner Ausbildung könnte ich z.B. das Freie Tanzen anleiten. Dort ist immer ein Choreograph oder ein Tanzpädagoge dabei, der das anleitet. Und ich könnte sozusagen auch so jemand sein, so wie Katja auch. Wir schließen jetzt gerade das zweite Ausbildungsjahr ab. Im dritten Jahr wird es auch choreographische Anteile geben. Da gehen wir also auch schon in Richtung Choreographie.

Über zehn Jahre war es im Tanzlabor so, dass Menschen mit Behinderungen hinkommen konnten, angeleitet wurden und Spaß hatten. Und dann sind sie wieder gegangen. Das ist aber nicht mein Verständnis von Teilhabe und Inklusion. Es ist nur ein Aspekt. Ein anderer Aspekt ist für mich, dass Menschen mit Behinderung direkt dabei sind und auch in anleitende Positionen kommen. Und das wollen wir mit dieser Ausbildung bewirken. Das ist schon etwas Besonderes.  

Katja: Dass wir tanzen und so eine Ausbildung machen können, ist für mich schon gelebte Inklusion.

Katja: Das Konzept der Ausbildung haben zwei Choreographen entwickelt. 

Anna: Die Ausbildung ist direkt am Tanzlabor angesiedelt. Sie wurde von zwei studierten TanzpädagogInnen entwickelt. Jetzt läuft schon der zweite Zyklus und es funktioniert ganz gut. Wir haben aber gemerkt, dass inklusive Lernprozesse nicht so einfach sind, denn Menschen haben verschiedene Bedürfnisse. Und auch inklusives Anleiten bedarf Übung, z.B. haben ganz viele ChoreographInnen angefangen mit: Stellt euch hin und spürt mit euren Füßen den Bodenkontakt. Ja das ist schön und gut, aber wenn man sitzt ist das was anderes. Dort muss man schauen und andere Ansätze entwickeln, die für die individuelle Person passend sind. Wir haben z.B. festgestellt, dass die Sitzhöcker für Rollstuhlfahrende zur Kontaktaufnahme mit dem Untergrund gut sind. Das ist quasi das Äquivalent zum Stehen. Dafür müssen aber ChoreographInnen auch sensibilisiert werden. In der Ausbildung haben wir gemerkt, dass da noch Potential nach oben ist. Wir haben viel darüber geredet und sind jetzt dabei, alle Informationen und Impulse zu bündeln und festzuhalten, wie inklusive Methoden funktionieren. 

Katja: Die Ausbildung machen z.B. nicht nur RollstuhlfahrerInnen sondern auch Gehbehinderte und Menschen mit unsichtbaren Behinderungen. 

Anna: Ja, es sind Rollstuhlfahrende dabei, Menschen mit einer Lernschwierigkeiten und auch Menschen, die keine sichtbare Behinderung haben. Z.B. ist auch die Leichte Sprache ganz wichtig für Menschen mit Lernschwierigkeiten. Fremdwörter oder eine Anleitung in englischer Sprache versuchen wir zu vermeiden. 

Katja: Die Ausbildung besteht aus verschiedenen Modulen. Während der Module schreibt immer jemand mit, und wir bekommen vom Choreographen ein angepasstes Handout zu dem Modul. Wir müssen natürlich auch Hausaufgaben machen.

Anna: Wir werden natürlich auch geprüft. Es gibt eine Lehrprobe, bei der wir 45 Minuten anleiten müssen. Im Anschluss daran, gibt es dann wertschätzendes Feedback von den Ausbildungs-AnleiterInnen und der Gruppe.

Neben unserem Angebot hier in Leipzig, gibt es auch andere inklusive Anleitungen oder Ausbildungen. Z.B. „DIN A 13“, das ist auch eine Tanzcompany, welche auch solche Ausbildungsangebote für TänzerInnen macht. In Leipzig wird auch eine Tanzcompany in Zusammenarbeit mit dem LOFFT und der VILLA entstehen. Es entwickelt sich langsam. Für den Leipziger Raum sind wir vor allem mit der Ausbildung sicher Vorreiter.

Katja: Dass wir tanzen und so eine Ausbildung machen können, ist für mich schon gelebte Inklusion. Anna hat studiert, ich aber bin in einer Behindertenwerkstatt. Ich konnte in der Art keine Ausbildung machen. Ich konnte nicht studieren, weil ich eine Lernbehinderung habe. Als die Tanzanleiterausbildung zur Sprache kam, habe ich sofort gesagt, dass ich das machen möchte. 

Anna: Das Besondere am Tanzen ist, dass es nicht im Werkstattbereich stattfindet, sondern im mixed-abled Bereich. Es ist nicht nur ein Angebot für Menschen mit Behinderung. Erst das macht es zu Inklusion. Es ist eben nicht nur ein Freizeitangebot für uns, sondern wir können teilhaben und unsere ganze Energie da reinstecken. Wir können auch in die Position der Anleitung kommen, das macht es für mich zu Inklusion. 

Katja: Wir gucken nicht nur zu, sondern wir gestalten mit.

Anna: Das ist ja auch dieser Prozess. Es war sicherlich schön, dass man erstmal alle Räumlichkeiten und alle Zugänge barrierefrei gestaltet hat. So können Menschen mit Behinderung teilnehmen. Aber sonst ist es ja schon so, dass die Menschen ohne Behinderung auf der Bühne stehen, und wir sitzen und schauen es uns an. Wir sind nicht die Schauspieler, und wir sind nicht die Choreographen. Wir sind nicht die Bühnentechnik, wir sind also nicht vertreten in den Bereichen. Das finde ich schade, da muss sich etwas ändern. Es reicht nicht nur, dass die Orte barrierefrei sind. 

Katja: Die VILLA, wozu auch das Tanzlabor gehört, ist schon ein guter Ort. Ich würde aber z.B. gerne einen Tanzworkshop in der Tanzzentrale besuchen. Dort komme ich aber mit dem Rollstuhl nicht rein. Die Tanzzentrale ist ein Studio, in dem Leipziger Choreographen Stücke entwickeln und Workshops machen, zu denen sich eigentlich jeder anmelden kann. Aber wir Rollstuhlfahrer können dort nicht rein, weil der Zugang nicht barrierefrei ist. Ich habe das Problem schon mal bei der Tanzzentrale angesprochen. Es wurde mir gesagt, dass sie daran arbeiten.

Katja: Im Bereich Inklusion geht es im Tanzlabor auf jeden Fall in die richtige Richtung. Bei unserer Ausbildung finden regelmäßig Gruppentreffen statt. Wir tauschen uns aus und dabei entstehen Lernprozesse. Denn man kommt so ganz anders zusammen und redet ganz anders miteinander. Allerdings unsere liebe Gesellschaft hat noch Nachholbedarf. 

Anna: Minimal *beide lachen*

Anna: "Ich wünsche mir mehr Möglichkeiten, dass Menschen mit Behinderung auf dem ersten Arbeitsmarkt arbeiten können und in allen gesellschaftlichen Bereichen teilhaben können."

Anna: Im Tanzlabor ist es das große Ziel Arbeitsplätze zu schaffen, sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze zu schaffen. Denn momentan habe ich ja auch nur einen Minijob. Katja ist ehrenamtlich unterwegs. Das ist das große Problem, wie kommt man aus der Werkstatt raus und auf den ersten Arbeitsmarkt.

Katja: Es gab Zeiten, da habe ich früh gearbeitet und bin nachmittags zu den Proben gekommen, damit ich 20 Uhr für den Auftritt auf der Bühne stehen kann. Irgendwann hab ich gesagt: Ich tanze für mein Leben gern, aber beides ist manchmal zu viel.

Katja: Ohne die Werkstätten jetzt schlecht machen zu wollen, aber bei denen eine Freistellung zu bekommen, ist nicht einfach. Weil man eben eine gewisse Zeit da sein muss. In der Werkstatt ist Anwesenheitspflicht. Weil man in diesem Sinne Arbeitnehmer ist. Ich habe einen Arbeitsvertrag und habe ihn zu erfüllen.

Anna: Es ist schon problematisch. Auf der einen Seite wird einem verboten so etwas zu machen, aber auf der anderen Seite bekommt man am Ende des Monats ein sehr niedriges Entgeld. Obwohl man quasi Vollzeit arbeitet. Das finde ich schwierig, aber ich finde das Prinzip Werkstatt sowieso sehr schwierig. 

Katja: Aber ich muss auch sagen, wenn es die Werkstatt nicht gäbe, gäbe es für einige Leute keine Arbeitsmöglichkeit. 

Anna: Ich wünsche mir mehr Möglichkeiten, dass Menschen mit Behinderung auf dem ersten Arbeitsmarkt arbeiten können und in allen gesellschaftlichen Bereichen teilhaben können. Ein Miteinander und ein gemeinsamer Austausch bedeuten für mich Inklusion.

Mehr Informationen zum Tanzlabor Leipzig: www.tanzlabor-leipzig.de