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Café SAMOCCA, Aue

Das SAMOCCA ist sehr beliebt. Die Gäste sagen, dass die Mitarbeiter hier so lieb, so nett und so dankbar sind.

Bernd Ullmann: Ich bin der Bernd Ullmann. Im SAMOCCA-Café mache ich den Service und bin manchmal auch in der Küche. Ich bin seit einem Jahr hier. Ich war erst in der Werkstatt. Ich habe dort in der Metall-Abteilung gearbeitet. Wir haben dort Besen gebohrt und geschraubt. Das SAMOCCA habe ich mir mal angeschaut und es hat mir sehr gefallen. Hier gibt es immer was zu tun. In der Werkstatt sitzt man oft rum. Hier gibt es viel mehr zu tun, z.B. Tische abräumen und Kaffee und Essen an die Tische schaffen.

Juliane Lauckner: Vorher hätten wir es ihm nie zugetraut. Und er macht hier seine Arbeit super.

Juliane Lauckner: Bernd hat einen Freund Markus. Die beiden kennen sich schon ganz lange. Der Freund arbeitet von Anfang an hier. Aus dem Grund hat Bernd gesagt, dass er es hier auch mal probieren will. Seine Betreuer haben sich allerdings am Anfang Sorgen und Gedanken gemacht. Hier ist es ja so, dass die Mitarbeiter mit den öffentlichen Verkehrsmitteln herkommen müssen. Bernd kann keine Zeit- oder Mengenangaben. Er kann auch die Uhr nicht lesen. Zur Werkstatt wurde er immer mit dem Fahrdienst gefahren. Deshalb gab es Bedenken, ob er es überhaupt hierher schafft. Er hat deshalb erst ein Praktikum durchlaufen. Das hat ihm sehr gefallen. Da haben wir gesagt: Das probieren wir mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Wir haben ihn zum Bus geschafft und haben ihm eine Uhr gebastelt. Er wohnt in Eibenstock in einer Außen-WG von der Diakonie. Dort hat er auch einen Betreuer. Mit ihm haben wir gut zusammengearbeitet. Jetzt sind alle total begeistert. Vorher hätten wir es ihm nie zugetraut. Und er macht hier seine Arbeit super.

Bernd Ullmann: Es macht halt auch Spaß.

Juliane Lauckner: Bernd wurde von der Hauptwerkstatt in Schneeberg zu uns ins Café versetzt. Wir sind hier eine Außenstelle der INVITAS. Die Werkstattmitarbeiter, die hierher kommen wollen, müssen ein Praktikum durchlaufen. Vorher werden sie zwei Jahre im Berufsbildungszentrum (BBZ) in den verschiedenen Bereichen wie z.B. Hauswirtschaft und ähnliches geschult. Danach wird mit dem begleitenden Dienst ein Gespräch geführt und natürlich auch mit dem Werkstattmitarbeiter selbst, ob es ihm gefallen hat und er geeignet ist. Und selbst wenn Bernd es nicht geschafft hätte, dann hätte er auch in die Werkstatt zurück wechseln können.

Juliane Lauckner: Bernd orientiert sich anscheinend an dem Aussehen der Anfangsbuchstaben.

Bernd Ullmann: Unser Bestellsystem ist etwas Besonderes. Es gibt einen Bestellschein, da muss der Besucher ankreuzen, was er in der Karte rausgesucht hat. Und er trägt die Tischnummer ein.

Juliane Lauckner: Ich war da ganz begeistert. Bernd kann wie gesagt nicht Lesen und Schreiben. Wir haben ja schon alleine 9 Kaffeesorten, die auch schwer auszusprechen sind. Bernd orientiert sich anscheinend an dem Aussehen der Anfangsbuchstaben. Zu jeder Tasse gibt es einen Tassenaufleger. Das ist ein kleiner Zettel auf dem steht, was das für ein Getränk ist. Das ordnet er dann zu.

Nicole Lindner: Ich kann auch nicht Lesen und Schreiben, aber ich kann alles mit Bildern zuordnen.

Nicole Lindner: Ich heiße Nicole Lindner. Ich wohne in Aue. Ich bin von Anfang an dabei. Also seit das Café vor 10 Jahren am 04. September aufgemacht hat. Ich war auch vorher in der Werkstatt. Ich habe mich beworben, hatte auch erstmal ein Training und Schulung. Dann wurde das hier nochmal geübt und dann wurde das SAMOCCA am 04. September 2010 aufgemacht. Ich war erst skeptisch, dass wir vielleicht wieder zumachen müssen. Dann wurde es nach und nach. Wir sind mit 10 Leuten gestartet und jetzt sind wir 18 Mitarbeiter. Ich kann auch nicht Lesen und Schreiben, aber ich kann alles mit Bildern zuordnen. Für jedes Getränk und jede Speise gibt es ein Bild.

Juliane Lauckner: Wir hatten jetzt zehnjähriges Jubiläum. Am Anfang wurde das Café hier in Aue nicht gleich angenommen. Die Leute haben gehört, dass sie da von Menschen aus der Werkstatt bedient werden. Da gab es schon Berührungsängste. Dann kamen sie aber hier rein und haben gemerkt, dass sie sehr freundlich bedient werden und auch auf die Hygiene geachtet wird. Wir tragen auch alle die gleiche Kleidung, sehr schick. Das hatten sie sich vielleicht anders vorgestellt. Jetzt ist das SAMOCCA sehr beliebt. Sie sagen, dass die Mitarbeiter hier so lieb, so nett und so dankbar sind. Die Umsatzzahlen steigen von Jahr zu Jahr. Unser Chef legt sehr viel Wert auf Öffentlichkeitsarbeit. Wir haben uns in den letzten 10 Jahren einen richtig guten Ruf erarbeitet und uns erweitert. Der Garten kam 2 Jahre später dazu. Das Obergeschoss ist jetzt dazu gekommen. Hier gibt es einen Umkleideraum für die Werkstattmitarbeiter, eine Toilette, eine Dusche und eine extra Küche und einen Tagungsraum, welcher vermietet wird. Das gab es früher gar nicht. Wir haben seit 2 Jahren unser Frühstücksgeschäft umgestellt, mit viel mehr Auswahl. Das wird super, super gut angenommen.

Die Mitarbeiter geben sich jeden Tag sehr viel Mühe. Sie arbeiten hier im Café nur 6 Stunden, da die Arbeit so anspruchsvoll und anstrengend ist. In der Hauptwerkstatt arbeiten die Mitarbeiter 8 Stunden am Tag. Unsere Mitarbeiter haben eine 30 Stunden Woche mit Schichtsystem.

Nicole Lindner: Diese Woche habe ich die Mittelschicht. Die ist neu. Da arbeite ich von um 9:00 bis 15:30 Uhr. Die Frühschicht ist von 7:15 bis 13:45 Uhr. Wir backen nicht selber. Es wird oben gebacken. Das Gebackene wird in einer Box mit einem Taxi zu uns runtergebracht.

Juliane Lauckner: Die Abteilung Hauswirtschaft der Hauptwerkstatt in Schneeberg beliefert uns jeden Tag. Sie haben extra einen Raum bekommen, um für das SAMOCCA zu backen. Weiterhin leisten sie Zurabeit für das SAMOCCA. Wir schicken ihnen jeden Tag ein Fax mit einer Aufstellung, was wir am nächsten Tag brauchen. Zwischen 8:00 und 8:30 Uhr kommt dann unsere Lieferung.

Juliane Lauckner: Gerade jetzt in der schwierigen Zeit der Pandemie haben wir ganz viele Schulungen gemacht.

Juliane Lauckner: Ich bin seit 2012 dabei. Ich habe Heilerziehungspflegerin gelernt. Ich war erst im Wohnheim tätig und dann ist hier eine Stelle frei geworden. Ich hatte natürlich Null Erfahrung in der Gastronomie. Aber da lernt man sich rein. Das hat mir so viel Spaß gemacht. Ich bin jetzt für die 18 Werkstattmitarbeiter zuständig. Ich schreibe für sie die Dienstpläne, plane Ausflüge. Wenn sie Anliegen oder Probleme haben, bin ich für sie da. Und natürlich wenn sie Förderung benötigen, z.B. durch Bildmaterial, dann setze ich das um. Oder meine andere Kollegin bemerkt, dass jemand nicht zurechtkommt, dann besprechen wir, wie wir das lösen können. Gerade jetzt in der schwierigen Zeit der Pandemie haben wir ganz viele Schulungen gemacht. Das war alles neu. Die Umsetzung der Hygienemaßnahmen mussten wir einstudieren. Wir hatte vorher 54 Sitzplätze im SAMOCCA. Jetzt sind wir bei 18. Nach jedem Gehen eines Gastes muss ja ganz viel beachtet werden: Desinfizieren der Stühle, des Tisches und Bleistifte, mit denen die Gäste ihre Bestellung angekreuzt haben.

Bernd Ullmann: Wir müssen auch die Karte abwischen.

Juliane Lauckner: Ja, die haben wir jetzt laminiert. Anfang Mai 2020 haben wir angefangen, immer mal Mitarbeiter vereinzelt reinzuholen und zu trainieren. Da ist uns immer wieder was aufgefallen. Was müssen wir ändern? Wie können wir es den Mitarbeitern einfacher machen, z.B. mit Bildern, damit sie wissen, was desinfiziert werden muss.

Wir hatten vom 14. April bis zum 07. Juni 2020 geschlossen. Einige Mitarbeiter wurden in die Hauptwerkstatt versetzt.

Nicole Lindner: Ich war zu Hause, weil ich Einschränkungen hatte.

Juliane Lauckner: Nicole ist Risikopatientin wegen ihres Herzens. Sie durfte nicht arbeiten. Die Mitarbeiter, die arbeiten durften, wurden nach Schneeberg versetzt, u.a. wir Betreuer. Ich war dann in der Küche beim Herrn Krüger, der für uns bäckt.

Bernd Ullmann: Wir waren froh, als wir wieder im SAMOCCA arbeiten konnten.

Nicole Lindner: Ich habe mich auch gefreut, aus meinem Urlaub wieder hierher zu kommen.

Juliane Lauckner: Das Konzept ist von der Samariter Stiftung.

Juliane Lauckner: Es gibt ja insgesamt 18 SAMOCCAs. Das Franchise-Konzept wird in jedem SAMOCCA Café gleich umgesetzt. Gerade die Tische, die Stühle, die Kleidung, der Wandanstrich gelb-schwarz – das hat jedes SAMOCCA. Wir haben spezielle Garderobenständer, spezielle Kalender. Das Konzept gibt es deutschlandweit.

Nicole Lindner: In Aalen gibt es das zum Beispiel auch.

Juliane Lauckner: Das Konzept ist von der Samariter Stiftung. Die Speisen und Getränke sind regional unterschiedlich. Aber ansonsten haben alle das gleiche System mit den Bestellscheinen.

Unser alter Geschäftsführer Herr Breitfeld hatte die Idee, das Konzept hier nach Aue zu holen. Er hat sich dafür beworben. Das muss man erstmal riskieren, denn wenn es dann nicht läuft. Das Café hat er dann hier 2010 eröffnet. Am Anfang war es schon schwierig. Es gab ja keine festen Abläufe, auch das Essensangebot musste ausprobiert werden. Ich bin 2 Jahre später dazu gekommen. 

Einmal im Jahr treffen sich die Caféleiter oder Caféleiterinnen auf dem Franchisetreffen in einem anderen SAMOCCA. Meine Chefin z.B. ist Hotelfachfrau und die andere Kollegin auch. Sie mussten aber noch zwei Jahre berufsbegleitend eine Ausbildung zur Fachkraft für Arbeits- und Berufsförderung machen, damit sie mit Menschen mit Behinderungen arbeiten können. Es gibt bei uns 18 Mitarbeiter und drei hauptamtliche Mitarbeiterinnen. Das ist etwas schwierig. Die Caféhausleiterin hat 40 Stunden, ich als Gruppenleiterin habe 35 Stunden und meine Kollegin als Gruppenhelferin arbeitet 30 Stunden. Wir müssen damit von Montag bis Samstag von 7:15 bis 18:15 Uhr alles abdecken. Da hat man Früh- und Spätdienst. Wir waren eigentlich erst zu viert, aber eine Kollegin hat aufgehört. Die Weihnachtszeit ist meistens eine sehr stressige Zeit für uns alle. Wir haben im Obergeschoss auch noch einen Raum. Dort verpacken wir Präsente. Im Gastraum des Cafés haben wir einen Caféröster stehen. Die Chefin und ich, wir rösten. Dafür sind wir auch auf Schulungen gegangen. Wir haben einen so guten Ruf, dass wirklich ganz viele regionale Firmen, z.B. die Nickelhütte Aue, uns ganz viel Kaffee als Weihnachtsgeschenke für ihre Angestellten abnehmen.

Die Mitarbeiter haben Früh-, Mittel- und Spätdienst, was sie in der Werkstatt nicht haben. Sie haben außerdem Samstagarbeit, was in der Werkstatt auch nicht der Fall ist. Das ist ja gerade mit den öffentlichen Verkehrsmitteln auch immer so ein Thema.

Nicole Lindner: Ich wohne zu Hause in Aue.

Bernd Ullmann: Ich wohne, wie gesagt, in einer Außen-WG in Eibenstock. Ich komme mit dem Bus hierher.

Juliane Lauckner: Da können wir auch keine Ausnahme machen und sagen: Du kannst heute erst um 9:00 Uhr anfangen, weil wir ja schon 8:00 Uhr öffnen. Wir brauchen Dich. Da wurde jetzt vom begleitenden Dienst mit dem Kommunalen Sozialverband (KSV) als Kostenträger gesprochen. Einige, wo es wirklich mit den öffentlichen Verkehrsmitteln nicht möglich ist, werden nun mit dem Fahrdienst geholt. Gerade der Bernd, wenn er 18:15 Uhr Feierabend hat, würde sein Bus Samstagabend erst 20:15 Uhr kommen. Das kann man ihm hier in Aue nicht zumuten. Der Busplatz in Aue ist ein heikles Thema. Das ist etwas gefährlich. Dort kann man die Mitarbeiter gerade im Winter, wenn es dann schon dunkel ist, nicht zwei Stunden lang warten lassen. Da gibt es eine Drogenszene und Gewalt. Es ist auch immer mal Alkoholverbot ausgesprochen worden. Da ist jetzt neuerdings auch der Sicherheitsdienst mit da. Wir hatten den begleitenden Dienst gebeten, bei der Stadt Aue nachzufragen, ob nicht immer mal Kontrollen stattfinden können. Unsere Mitarbeiter sind ja so lieb und haben keine Hemmungen, mit jedem zu sprechen. Andere Mitarbeiter von uns haben auch noch andere Behinderungsbilder, gerade die psychisch Kranken.

Nicole Lindner: Noch ist nichts passiert.

Bernd Ullmann: Hoffen wir, dass das so bleibt.

Nicole Lindner: Ich wünsche mir nochmal 10 Jahre im SAMOCCA.

Juliane Lauckner: Wir schließen alle gemeinsam 18:15 Uhr die Tür zu. Dann fahren wir Betreuer nach Hause. Der Busplatz ist gleich hinter dem Haus. Ein Fußweg von einer Minute. Wir sind dann nicht dabei, um zu schauen, ob alles läuft.

Nach der Schließung im Frühling hatten wir natürlich Bedenken wie es weiter geht. Aber das ist alles verschwunden. Es ist wieder alles so wie es vorher war, auch von den Umsätzen her, obwohl wir nur ein Fünftel der Sitzplätze haben. Das geht zurzeit ruckzuck. Die einen Gäste stehen auf, die anderen warten schon auf ihren Platz. Wir haben eine begrenzte Frühstückszeit von 8:00-11:00, danach beginnt das Mittagsgeschäft. Der Tisch wird in der jetzigen Zeit dreimal vergeben, wo die Gäste früher drei Stunden saßen.

Nicole Lindner: Ich wünsche mir nochmal 10 Jahre im SAMOCCA.

Bernd Ullmann: Das wünsche ich mir auch.

Link zur Webseite des SAMOCCAs in Aue: https://www.samocca-aue.org/

Veröffentlicht am: 23.02.2021