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Florian Eib, Leipzig

Der Blinde hat es nicht gesehen, aber er muss auch am Ende darüber reden können. Er muss mitreden können und sagen können: „Ja, der hat den Ball ja super aus dem Eck gekratzt.“

Ich bin in Erfurt geboren und zum Studium nach Leipzig gezogen. Ich habe Musikwissenschaft, Sprach- und Sprechwissenschaft studiert und schon immer eine Leidenschaft für Sprache gehabt. Seit meiner Schulzeit bin ich hobbymäßig auch Musiker, Sänger und Texter. Da habe ich mich zwangsläufig auch mit Sprache beschäftigt und eine Leidenschaft für das Sprechen entwickelt. Ich erinnere mich an eine Szene, wo ich als Kind vor einem Kassettenrekorder stand und aus einem Harry Potter Buch vorgelesen habe. Einfach in der Vorstellung, ich könnte das komplette Buch einlesen und es mir dann noch einmal anhören. Das zeigt, dass ich schon sehr früh Lust darauf hatte.

Ich habe während meines Studiums bei den atz-Hörmedien als ehrenamtlicher Sprecher angefangen. Das ist ein Verein, der sich mit Hörzeitungen beschäftigt und im regionalen Bereich bis zu 3000 blinde und sehbehinderte Menschen mit tagesaktuellem Hörmaterial beliefert hat. Mittlerweile bin ich auch fester Hörbuchsprecher am Deutschen Zentrum für barrierefreies Lesen in Leipzig. Meine Sprecherfahrungen und meine Kenntnisse aus dem Studium kann ich mittlerweile auch in Seminaren an andere Sprecher weitergeben.

"Früher haben sich die Menschen mit Sehbehinderung einen Sehenden mitgebracht, der ihnen das Spiel beschreibt."

Durch diese Sprechertätigkeit bin ich dann zur Audiodeskription gekommen. Ein gewisses Sportinteresse hatte ich auch schon immer und so habe ich angefangen, die Blindenreportage bei RB Leipzig zu machen. Das war vor vier Jahren, damals in der 2. Fußballliga. Ich habe später erfahren, dass die Blindenreportage im Bundesliga-Fußball in ganz Deutschland absolut verbreitet ist. Jeder Bundesliga- und Zweitliga-Verein hat ehrenamtliche Sprecher, die das Spiel für blinde und sehbehinderte Menschen im Stadion beschreiben. Sie hören über Kopfhörer unsere Beschreibung. Früher haben sich die Menschen mit Sehbehinderung einen Sehenden mitgebracht, der ihnen das Spiel beschreibt. Manchmal ist das auch heute noch so, wenn die Fans nicht wissen, dass es diesen Audio-Service gibt.

Später habe ich meine Beschreibungsarbeit auf eine professionelle Ebene gestellt. Ich habe mit der Audiodeskription im Handball angefangen, ehrenamtlich beim SC DHfK Leipzig. Das mache ich auch heute noch. Und das habe ich dann einfach auf verschiedene Sportarten adaptiert. Ab einem bestimmten Punkt habe ich dann gemerkt: Das kann ich nicht immer ehrenamtlich machen. Das schaffe ich zeitlich gar nicht. Das kann auch nicht der Anspruch sein, wenn man es professionell machen und Audiodeskription als inklusiven Service in die Gesellschaft reintragen möchte. Es gibt für Gehörlose die Möglichkeit, Gebärdendolmetscher zu nutzen, und so gibt es für Blinde die Möglichkeit, uns als Sprecher zu benutzen. Ich habe dafür viele Schulungen besucht und mich vor allem mit vielen Blinden unterhalten. Ich habe mittlerweile viele blinde Bekannte mit denen ich mich austausche. Wir reden über die Fragen: Was wollt Ihr wissen? Was sind die relevanten Sachen, die wir beschreiben können?

Wir als Sehende haben trotzdem immer einen gewissen Vorteil, weil wir Sachen viel umfangreicher erfassen können. Ich merke das beim Schauspiel. Vor drei Jahren habe ich mit der Beschreibung beim Schauspiel Leipzig angefangen. Wenn ich eine Szenerie sehend erfasse, dann ist das viel umfangreicher als ich es beschreiben kann bzw. brauche ich viel länger für die Beschreibung. Sehende können das im Endeffekt mit einem Blick erfassen. Deswegen ist die Frage: Was muss ich für Blinde beschreiben? Was kann ich in einem bestimmten Zeitrahmen beschreiben? Und vor allem: Wie kann ich es beschreiben? Es geht ja auch darum, die Emotionen zu erzeugen und vielleicht frühere Bilder hervorzurufen. Prägnante Beschreibungen, die assoziativ sind – das ist die Aufgabe. Was dafür wie zu beschreiben ist, ist von Person zu Person sehr unterschiedlich und es kommt natürlich auf das Genre an.

“Wir gehen dann immer noch einen Schritt weiter: „Der Torhüter hat den Ball mit der rechten Hand, mit den Fingerspitzen, ganz knapp am rechten Pfosten vorbeigelenkt.“

Ich habe in meiner Masterarbeit verschiedene Radioreportagen mit Audiodeskriptionsreportagen verglichen. In der herkömmlichen Radioreportage hört man oft: „Der Torhüter hat den Ball gehalten. “Wir gehen dann immer noch einen Schritt weiter: „Der Torhüter hat den Ball mit der rechten Hand, mit den Fingerspitzen, ganz knapp am rechten Pfosten vorbeigelenkt.“ Unser Anliegen ist dabei immer, dass die blinden Fans danach auch in die Kneipe gehen und bestimmte Situationen beschreiben können. Der Sehende hat gesehen, wie der Torhüter den Ball gehalten hat. Der Blinde hat es nicht gesehen, aber er muss auch am Ende darüber reden können. Er muss mitreden können und sagen können: „Ja, der hat den Ball ja super aus dem Eck gekratzt.“ In der Tat bekommen Blinde oft dadurch viel mehr vom Spiel mit als Sehende, weil man als Sehender oft in eine gewisse Trägheit verfällt und das Geschehen doch nicht so genau beobachtet. Der Sinn dabei ist auch, dass man unter den anderen Fans ist und die Atmosphäre mitnehmen kann. Den Schweißgeruch mitkriegt, auch das Ballprellen in der Halle mithört, den Lattenknaller voll mitbekommt. Und ganz entscheidend ist der Kontakt untereinander. Das ist etwas, was uns über die Jahre sehr bewusst geworden ist, dass viele unserer Leute auch regelmäßig kommen, nicht nur, weil sie große Sportfans sind, sondern weil sie uns kennen und sich auch untereinander wieder treffen.

Für mich ist es ganz wichtig, die Leute mitzunehmen. Es muss bei uns z. B. keiner bei einem Spiel allein in die Halle gehen. Wir haben vor der Halle einen gemeinsamen Treffpunkt. Dort sammeln wir uns und erklären, wie es in der Halle gleich aussieht. Für die, die noch nie da waren, erklären wir auch, dass es gleich ein bisschen lauter wird, dass wir aber immer beieinander sind. Wir versuchen so oft es geht, die Situation mit allen Sinnen erfassbar zu machen. Dazu gehört nicht nur der Hörsinn, sondern eben auch alles, was angefasst werden kann. Mein Kollege hat ein Handballfeld entwickelt, indem er auf ein Schrankbrett die Handball-Feldlinien aufgeklebt hat, sodass man sie haptisch fühlen kann. Man kann die gestrichelte Linie fühlen, die 9 Meter Linie. So etwas ist auch eine Möglichkeit, ein Spielfeld in seiner Form in Kleinformat zu erfassen.

Mir macht es Spaß das Drumherum zu organisieren, weil es so vielfältig ist. Es ist viel mehr als nur am Mikrofon zu stehen und das zu beschreiben, was da passiert. Es ist das Erleben des Tages direkt mit den Leuten zusammen. Wenn ich etwas mache, dann will ich es auch ordentlich machen. Das beinhaltet auch die Ticketreservierung, die ich entgegennehme. Ich spreche mit den Leuten und frage, ob sie schon einmal in Leipzig waren. Manche kommen von außerhalb. Dann erkläre ich ihnen, wie sie mit der Straßenbahn zur Halle kommen und wo wir uns treffen. So etwas gehört dazu, wenn ich eine Veranstaltung inklusiv gestalten will.

Momentan fehlt noch der Druck von der Politik. Es wird auch nicht kontrolliert. Es gibt keine Strafen, wenn man eine Veranstaltung organisiert, die nicht für Sehbehinderte zugänglich ist. „Nicht zugänglich“ ist hart formuliert. Es gibt ja nach wie vor Leute, die hingehen. Aber die Frage ist, wie es besser geht. Wie kann man es für alle zu einem Erlebnis machen? Das ist ein Baustein von Inklusion: Barrieren abbauen.

Irgendwann, vielleicht in 30 Jahren, hat jeder schon von klein auf in der Schule von Audiodeskription gehört und hat ein bisschen Gefühl dafür. Man muss sich ja nicht tagtäglich damit beschäftigen. Aber man weiß dann zumindest, wie ich einen Blinden am Arm führe, wenn ich mit ihm unterwegs bin. Wie kann ich im Alltag unterstützen und was kann ich wie beschreiben.

Webseite: www.florian-eib.com