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Grit Hirche, Dresden

[...] als Klassenlehrerin an der Förderschule entstand in mir eine starke Sehnsucht nach der Möglichkeit, inklusiv zu arbeiten und behinderte und nichtbehinderte Kinder gemeinsam zu unterrichten.

Ich heiße Grit Hirche, bin 50 Jahre alt, in Sachsen geboren und in Coswig und Görlitz aufgewachsen Ich lebe seit vielen Jahren in Dresden. Ich bin Waldorflehrerin.

Zu DDR-Zeiten habe ich ein Fachschulstudium absolviert, um Unterstufenlehrerin zu werden. Da war ich 16 Jahre alt. Als ich 20 war, kam die Wende und ich suchte nach einem neuen Weg für mich. Über meine Patentante kam ich nach Stuttgart, wo ich im Seminar für Waldorfpädagogik studiert habe. Ich hatte anfangs keine Ahnung, wer Rudolf Steiner ist, keine Ahnung, was Waldorfpädagogik ist und sie haben mich trotzdem genommen. *lacht* Das ist schon ein Wunder. Ich habe dann ein Jahr die Grundlagen der Waldorfpädagogik und der Anthroposophie in Stuttgart studiert. Danach bin ich nach Heidenheim an eine Waldorfschule gegangen, um dort eine Turnlehrer-Ausbildung zu machen. Denn man wird Klassenlehrer mit einer Fachausrichtung. Die Waldorfpädagogik und die Anthroposophie sind seither mein Lebensinhalt und mein geistiger Anker, unsere 3 Kinder besuchen oder besuchten eine Waldorfschule.

Nach meiner Studienzeit in Baden-Württemberg wollte ich gern im Ostteil des Landes in einer Schule im Aufbau arbeiten. Letztlich habe ich mich für die kleine heilpädagogische Initiative in Dresden entschieden. 1994 habe ich in dieser Schule angefangen, die eine staatlich genehmigte Ersatzschule für geistig beeinträchtigte Kinder und Jugendliche ist und auf der Grundlage der Waldorfpädagogik arbeitet. Ich habe dort viele Jahre als Klassenlehrerin gearbeitet und mit viel Initiativkraft und Begeisterung den Aufbau dieser Schule begleitet. Unsere 3 Kinder sind während meiner Zeit dort geboren. Aber mit den Jahren werden die Bahnen ein bisschen eingeschliffen und die Strukturen verhärten sich. Mit neuen Ideen ist es dann schwer.

2010 erlitt meine älteste Tochter, sie war damals neun, eine spontane Hirnblutung. Im Kleinhirn entdeckten die Ärzte ein missgebildetes Gefäß. Miriam befand sich mehrere Tage im Koma, und wir waren die ganze Zeit abwechselnd bei ihr. Nach 14 Tagen wurde sie zur Frührehabilitation in die Kinderklinik der Bavaria nach Kreischa verlegt. Ich war als Begleitperson für die nächsten Wochen und Monate an ihrer Seite. Mein Mann betreute die beiden kleinen Kinder, sie waren damals 5 und 8 Jahre alt. Sie kamen uns immer an den Wochenenden besuchen. Das war eine schreckliche Zeit für uns alle. Als Heilpädagogin wusste ich auch, dass ein langer Weg vor uns liegt und es keine klaren Prognosen geben wird, an denen man sich halten kann. Aber ich hatte großes Gottvertrauen in mir und habe immer wieder dafür gebetet, dass unsere Tochter ihren Weg, so schwer er nun auch war, gehen wird.

Dieser biographische Einschnitt in das Leben eines Kindes ist für die Eltern sehr schwer, weil man das Kind vor der Verletzung kennt. Genau so möchte man sein Kind wiederhaben. Ich weiß jetzt, was es bedeutet, Mutter eines betroffenen Kindes zu sein. Das hilft mir auch bei der Beratung von Eltern an meiner jetzigen Schule. Wenn ich in den Beratungsgesprächen von dem Weg meiner Tochter erzähle, dann kann ich Eltern damit entlasten und Wege aufzeigen. So schwer das auch immer für Eltern ist. Aber das kann ich jetzt durch das Erleben mit meiner Tochter sehr viel besser begleiten. Ich kann auch den Wunsch nach noch mehr Förderung verstehen, dieses:“ Es muss noch mehr gehen.“. Ich sage: Macht euch davon wieder frei! Schaut auf das Kind und vertraut auf die Kräfte eures Kindes. Das ist etwas ganz Wichtiges. Das findet man eben nie in den Förderplänen.

Auch in Kreischa war es für mich natürlich lehrreich zu sehen, wie dort mit Komapatienten gearbeitet wurde. Das hat mich auch sehr bewegt und auf meinem Weg weitergebracht. Meine Vorstellung, wie man mit behinderten Menschen umgehen sollte, hat sich geschärft: So normal wie möglich! So lebensnah wie möglich!

Es ist unglaublich, wie sie sich ins Leben zurück gekämpft hat.

Unsere Tochter wurde in ihrer Entwicklung schwer zurück geworfen. Sie konnte wirklich nichts mehr und hat alles neu gelernt: sprechen, schlucken, laufen. Es war alles weg. Durch die Beeinträchtigung des Kleinhirns war jede muskuläre Bewegung im Körper vergessen. Die schwerste Fusionsstörung erlitten die Augen. Sie sieht immer noch Doppelbilder. Sie hat Probleme mit dem Gleichgewicht und ist nicht so belastbar wie andere Personen in ihrem Alter. Das ist tatsächlich geblieben. Aber alles andere ist wieder da. Es ist unglaublich, wie sie sich ins Leben zurück gekämpft hat. Nicht nur bei den Therapien, sondern bei all dem, was wir im Alltag dann mit ihr gemacht haben. Nach den Monaten in Kreischa war unsere Tochter so behandlungsmüde, dass wir keine Therapien mehr gemacht haben. Stattdessen haben wir zu Hause das Leben genossen, gekocht, gebastelt, gepflanzt. Das ist für mich auch therapeutisch wertvoll, mit den Händen in der Erde buddeln.

Den Eltern unserer Schüler sage ich auch immer: Die Waldorfpädagogik ist urtherapeutisch. Die Bewegungskunst der Eurythmie, das sehr handlungspraktische Arbeiten ab Klasse 1, Handarbeit, musizieren, Koordinationsübungen, Fingerspiele und Reigentänze in den Unterrichten: All das regt die Sinnesbildung an.

Unsere Tochter durfte nach den Osterferien in ihre Klasse zurück. Ich bin Miriams damaligem Klassenlehrer sehr dankbar, der sagte: Natürlich kommt sie wieder in unsere Klasse. Miriam war schwer gehandicapt, man sah es ihr auf den ersten Blick an. Aber sie wurde von ihrer Klassengemeinschaft mitgenommen. Als Miriam erkrankte, haben sie für sie gebetet und haben ihr Karten geschickt. Das war wirklich sehr schön.

Ich habe sie anfangs stundenweise in die Schule begleitet. Dann habe ich wieder in Bonnewitz gearbeitet und sie hat einen Schulbegleiter von der Diakonie bekommen. Irgendwann ist sie wieder alleine zurechtgekommen. Miriam hat es auch nicht gemocht, einzeln begleitet zu werden. Dank des Förderbereiches der Waldorfschule und der sehr guten Zusammenarbeit dort hat Miriam den Hauptschulabschluss in der 11. Klasse geschafft, in der 12. Klasse den Realschulabschluss.

Danach sind wir mit Miriam zur Arbeitsagentur und wollten unserer Tochter einen weiteren inklusiven Weg ermöglichen. Wir mussten mit Miriam in die Reha-Abteilung. Sie wollte Köchin oder Floristin werden. Es wurden Tests mit ihr gemacht. Die Ärztin sagte sofort: Also, Köchin wirst du nicht! Das ist viel zu stressig für dich. Dann ging es in der Reha-Beratung Richtung Berufsförderschule. Miriam wollte nicht an die „Schule für Behinderte“. Wir wollten, dass sie weiter mit Integrationsstatus inklusiv beschult wird. Dieser Weg wurde uns nicht aufgezeigt. Und obwohl ich sonst nicht auf den Mund gefallen bin, war ich da sehr still. Da muss sich noch viel in der Begleitung der Berufsfindung verändern! Ein Bekannter empfahl das Berufsschulzentrum für Agrarwirtschaft und Ernährung. Er hat den Kontakt zur Schulleiterin hergestellt.

Miriam ist jetzt in der 11. Klasse der Fachoberschule. Sie arbeitet jeweils 2 Wochen in einem Blumenladen und 2 Wochen lernt sie in der Schule. Das ist gut für sie. Ohne die Vermittlung hätten wir das aber gar nicht gefunden. Im BSZ wird sie sehr gut und empathisch begleitet, aber die ARGE weiß scheinbar wenig von der inklusiven Berufsmöglichkeit. Unsere Tochter muss mit ihren Handicaps leben. Aber sie geht ihren Weg. Und ich übe mich gerade im Loslassen.

Für meine Arbeit ist das alles positiv, weil ich Dinge, die Familien mit beeinträchtigten Kindern betreffen, anders verstehen kann.

Die ersten Jahre nach der Erkrankung von Miriam waren für uns schon schwierig. Die Welt der Anderen hatte sich ja weitergedreht. Sie hatten ganz andere Aufgaben als wir. Meine Freundschaften habe ich mir jetzt aber wieder geholt. Wir können jetzt auch ganz gut darüber reden, warum das damals so war, dass ich eben nicht jede Woche mit ins Kino gekommen bin. Die Leute wollten auch nicht, dass ich immer über Miriam rede, weil sie selbst auch andere Themen hatten. Aber für uns gab es damals kein anderes Thema. Das war schon ein gewaltiger Einschnitt. Unsere beiden jüngeren Töchter werfen uns das auch vor, dass es immer nur um Miriam geht. Das ist natürlich etwas, wo ich genau hinhöre. Ich habe das Gefühl, dass das gar nicht stimmt. Aber es stimmt natürlich. Es geht sehr viel um Miriam und wie es ihr geht. Aber die Mädchen haben nicht immer Verständnis für Miriam und sie sagen uns das auch sehr deutlich. Wenn es jemanden schlecht geht, dann spürt Miriam das gar nicht so und reagiert manchmal unerwartet. Ich versuche zu vermitteln: Habt doch Verständnis, Miriam hat so viel Energie gelassen. Aber die Schwestern müssen nicht immer Verständnis haben. Vielleicht haben sie später wieder Verständnis für Miriam. Das würde ich mir natürlich wünschen. Für meine Arbeit ist das alles positiv, weil ich Dinge, die Familien mit beeinträchtigten Kindern betreffen, anders verstehen kann.

Wir sind immer sehr gern und sehr oft nach Schweden gefahren. Wir haben das schon vor vielen Jahren gemerkt, dass in Schweden Inklusion irgendwie ganz normal ist. Bei den Glascontainern gibt es z.B. für Rollstuhlfahrer diesen niedrigeren Einwurf. Überall siehst du behinderte Menschen. Sie werden nicht versteckt und sind ganz selbstverständlich im Alltag dabei. Barrierefreie Zugänge überall. Das ist dort eine Selbstverständlichkeit. Die Schweden gehen gelassener mit Behinderung um. Das hat Miriam so erlebt. Deshalb möchte sie dort leben und lernt schwedisch.

Vor 2 Jahren wurde allerdings entdeckt, dass das Gehirnwasserableitungssystem, der Shunt, nicht mehr funktionierte. Sie mussten deshalb nochmals operieren und das gesamte System wechseln. Das war natürlich furchtbar. Die anthroposophische Medizin ist für uns als Familie sehr wichtig, aber an dieser Stelle möchte ich die Neurochirurgie der Uniklinik und diese enge Begleitung dort nicht missen. Das Jahr darauf, in Miriams Freijahr nach dem Schulabschluss, haben sie wieder ein missgebildetes Gefäß entdeckt. Das war ein großer Schreck. Eigentlich hieß es, dass so etwas nicht nachwächst. Aber sie haben es bei einer Angiografie entdeckt. Das Gefäß wurde erfolgreich in einer mehrstündigen Operation entfernt und wir Eltern waren herausgefordert, auch dieses Mal unser nun erwachsenes Kind zu begleiten. Das war nicht leicht für uns, denn Miriam wollte keine Besuche von uns, um unsere Sorgen und Emotionen nicht zu erleben.

Trotzdem hatte ich das Gefühl: Jetzt kann mich nichts mehr umhauen.

Trotz der vielen Herausforderungen hat mich Miriams Erkrankung nicht geschwächt, sondern stärker als vorher gemacht. Von irgendwoher sind mir Kräfte zugewachsen, so dass ich nicht in ein großes Loch gefallen bin. Löcher gibt es immer mal wieder: Verbitterung, Trauer darüber, warum wir? Das sind ja ganz normale Prozesse. Trotzdem hatte ich das Gefühl: Jetzt kann mich nichts mehr umhauen.

Nach dem Unfall von Miriam bin ich in den Schuldienst zurückgekehrt. Das war 2011. Nach weiteren 4 Jahren als Klassenlehrerin an der Förderschule entstand in mir eine starke Sehnsucht nach der Möglichkeit, inklusiv zu arbeiten und behinderte und nichtbehinderte Kinder gemeinsam zu unterrichten. Im Frühjahr 2015 habe ich mich in der Neuen Waldorfschule Dresden beworben. Dann ging alles ganz schnell. Mein Herz hat laut ja gerufen, so dass ich mit wehenden Fahnen zu der neuen Schule gewechselt bin.

2015 habe ich also die neue Klasse übernommen. Dann hieß es sofort: Grit, du machst alles, was mit Inklusion zu tun hat. Das ist deine Aufgabe. Damals hatte die Schule nur 3 Klassen. Ich hatte 24 Kinder, ein Mädchen mit einer Beeinträchtigung dabei. Sie wurde aber erst im 4. Schuljahr diagnostiziert. Zeitgleich habe ich angefangen, eine Inklusions-Ausbildung, den ZINT-Kurs, zu machen. Der wurde damals noch von der Hochschule Görlitz-Zittau angeboten. Prof. Susanne Riegler hat diesen Kurs im Auftrag des Kultusministeriums ins Leben gerufen. ZINT heißt „Zusammen integrative/inklusive Schule entwickeln“. Der Plan des Kultusministeriums war damals, dass an jeder Schule ein ZINT-Kursteilnehmer ist, der so eine zweijährige berufsbegleitende Ausbildung gemacht hat. Ich saß das erste Mal in meinem Leben mit Staatsschullehrern, also mit Berufsschullehrern, Grund- und Gymnasiallehrern zusammen. Sie fragten: Wie sollen wir das jetzt auch noch machen? Wie sollen wir jetzt auch noch mit behinderten Kindern arbeiten? Es war ganz spannend für mich, aus meiner Waldorf-Blase herauszukommen, in so eine ganz andere Welt. Da habe ich zum ersten Mal das Gefühl gehabt: Was habe ich für ein Glück, an einer freien Schule arbeiten zu dürfen. Ohne diesen Druck vom Lehrplan und ohne den Druck vom Schulamtsleiter, der sagt: Du musst das und das machen. Wir freien Schulen können Inklusion ganz anders gestalten. Ich glaube, das merkt man auch immer, wenn man in eine freie Schule kommt. Darüber bin ich sehr, sehr froh. In dem Kurs habe ich das Handwerk für Diagnostik, Aufstellen von Förderplänen, Begleitung von Eltern in Diagnostikprozessen u.ä. gelernt.

Das Ziel ist, einen gut gemachten Unterricht auf der Grundlage der Waldorfpädagogik anzubieten, so dass für jedes Kind, egal welches Leistungsniveau, etwas dabei ist.

Meine Schule will eine inklusive Schule sein und alle Kinder annehmen. In den Konferenzen habe ich zu meinen Kolleg:innen gesagt: Ich bin nicht der Koch, der die Suppe rührt. Ich will das Feuer sein! Ich habe eine Vision von einem inklusiven Lebensort, die ist in mir entstanden und die habe ich sozusagen mitgebracht. Ich weiß nicht, ob sie funktioniert. Aber ich könnte es mir so und so vorstellen, wie ein inklusiver Unterricht gelingen kann. Das Ziel ist, einen gut gemachten Unterricht auf der Grundlage der Waldorfpädagogik anzubieten, so dass für jedes Kind, egal welches Leistungsniveau, etwas dabei ist. Möglicherweise sind dabei Kinder auch unter- oder überfordert. Aber der Unterricht sollte ein Geschenk sein und Teilhabe für jedes Kind ermöglichen.

In der Waldorfschule haben die Kinder täglich Hauptunterricht, dazu kommen verschiedene Fachunterrichte. Der Hauptunterricht wird in Epochen gehalten, so hat man 4 Wochen Mathematik, 4 Wochen Deutsch usw.

Das Grundgerüst eines guten Hauptunterrichtes ist immer ein rhythmischer Teil bzw. ein Bewegungsteil, ein Arbeitsteil und ein Erzählteil. In diesem rhythmischen Teil kann man wunderbar Bewegungsübungen aller Art machen. Ich habe z.B. für Kinder mit motorischen Problemen extra Koordinationsübungen in den Bewegungsteil eingebaut. Die Koordinationsübungen tun allen gut, aber speziell diesen Kinder helfen sie sehr.

Im Arbeitsteil des Hauptunterrichtes gibt es vielfältigste Möglichkeiten der Differenzierung, so dass jedes Kind auf seinem Niveau lernen kann. Im Erzählteil habe ich die Klasse durch verschiedene Sagen und Erzählungen wieder zusammengeführt. In der sechsten Klasse erzählt man dann beispielsweise Ritterlegenden. Der Hauptunterricht ist zwei Stunden lang, nicht nur eine dreiviertel Stunde.

Der Waldorflehrplan ist nach meinem Erleben stimmig und orientiert sich an den Entwicklungsprozessen eines Kindes. Ich bin jetzt mit meinen Kindern in der 6. Klasse und gebe sie in diesem Schuljahr ab, um eine neue Klasse zu übernehmen. Ich habe von der ersten bis zur sechsten Klasse erlebt, dass man inklusiven Unterricht mit dem Waldorflehrplan gestalten kann.

In unserer Schule gibt es von Anfang an sehr viel mehr handwerkliche und künstlerische Fächer. Die Kinder haben Gartenbau, Handwerks- und Kunstunterricht und Musikunterricht. Jedes Kind bekommt ein Instrument. Wir haben auch Tiere auf dem Gelände. Wir leben also auch Tierpädagogik, und die Kinder übernehmen Stalldienste. Das hat sich zusammen mit den Kolleg:innen entwickelt.

Sag nicht: Das sind die Inklusionskinder und das sind die anderen Kinder, sondern es sind alles Kinder.

In manchen Klassen, in denen wir mehrere Förderkinder haben, haben wir Assistenzlehrer:innen, die den Klassenlehrer:innen bei der Differenzierung unterstützen. Bei uns ist es nicht üblich, dass die Förderkinder z.B. aus dem Unterricht rausgehen und separat unterrichtet werden. Das ist für mich nicht Inklusion. Ich denke, dass die Inklusion im Klassenzimmer stattfinden muss. In der Vorbereitung plant man eine Epoche für vier Wochen und man hat ein inneres Ziel. Aber welchen Weg man dann zusammen mit den Kindern geht, das ist entscheidend. Ich hatte vorher noch nie 24 Kinder in einer Klasse, sondern nur 8-9 Kinder. Oft gibt man den Weg vor und die Kinder gehen ihn eigentlich von ganz alleine. Man muss sie nur noch anstupsen. Alle Kinder gehen einen Weg, egal auf welchem Niveau. Heißt es nicht, dass der Weg das Ziel ist?

Wie sich so eine Epoche entwickelt, liegt gar nicht in meiner Hand, sondern das liegt dann bei den Kindern. Je größer sie werden, umso größer werden die Projekte. Im Frühling war Geschichtsepoche - das Mittelalter. Da haben die Kinder Kathedralen und Häuser gebaut. Das hatte ich ihnen gar nicht vorgegeben. Das haben sie sich selbst erarbeitet. Und das finde ich ganz spannend. Ich finde wichtig, was von den Kindern selbst kommt. Das ist also nicht so ein Einheitsbrei, den ich einfach ausschütte. Sondern ich schaue schon, was brauchen die Kinder jetzt eigentlich. Ich sage nach wie vor mantraartig: „Gehe in Beziehung mit den Kindern, aber mit allen Kindern. Sag nicht: Das sind die Inklusionskinder und das sind die anderen Kinder, sondern es sind alles Kinder. Erst in zweiter Linie ist da ein Kind mit Down-Syndrom, ein Kind mit einer Hörminderung, ein Kind mit einer Leserechtschreibschwäche. Gehe in Resonanz mit den Kindern und dann kommen dir Ideen!“ Das ist meine gelebte Erfahrung, die ich gerne mit meinen Kolleg:innen teile!

Die Kinder lernen auch voneinander. Ein mathematisch-hochbegabter Junge hat zwei Jahre neben einem geistig beeinträchtigten Mädchen gesessen, sie waren gute Lernpartner. Sie haben viel voneinander gelernt, sich respektiert und gelernt, mit den Stärken und Schwächen des anderen umzugehen. Der Junge ist dann auf ein mathematisch-naturwissenschaftliches Gymnasium gewechselt, aber er hat ein gutes Fundament. Es ist wichtig, alle Menschen mit ihren Stärken und Schwächen zu sehen und auch anzuerkennen, dass jemand andere Begabungen hat als man selber.

Einmal haben wir das Einmaleins geübt und ich rufe in die Klasse: „128 mal 5“, das war natürlich für den Hochbegabten und das beeinträchtigte Mädchen rief: “Viele!“ Und die ganze Klasse lachte mit ihr. Das sind die Inklusionsmomente. Darum geht es! Klar fühlt sich das beeinträchtigte Mädchen manchmal anders und weiß auch, dass sie manche Dinge nicht so gut kann wie andere. Aber wir üben in den Klassenstunden auch eine Achtsamkeit miteinander. Das ist ganz normal. Es geht gar nicht darum, wer am besten rechnen, schreiben, lesen kann. Jeder kann etwas anderes gut. Bei jedem Kind die Stärken und Schwächen finden, das ist wichtig. Da ist es völlig egal, welche Behinderung oder Beeinträchtigung das Kind hat. Es geht eher um die Stärken und darum zu lernen, mit den Schwächen umzugehen. Das ist meine Vision. Eher mit den Kindern zu leben und gar nicht nach irgendwelchen Lehrplänen zu arbeiten.

Das Wort Inklusion ist ja so ein Kaugummiwort.

Irgendwann kam die Anfrage nach unserer Professionalität unserer Arbeit. Da habe ich mich doch sehr hinterfragt, wie professionell will ich werden? Oder wie professionell wollen wir werden? Wenn wir auf dem Berg stehen und ins Tal zurück blicken, dann haben wir als Schulgemeinschaft schon eine Menge Weg zurückgelegt. Wir können wirklich auf unsere Arbeit stolz sein. Das sage ich auch immer wieder den einzelnen Klassen- und Fachlehrer:innen:“ Ihr macht gute Arbeit. Wir machen gute Arbeit!“ Es sind viele Projekte innerhalb dieses inklusiv gelebten Alltages entstanden. Nur ein Beispiel ist die Hortwerkstatt für die Unterstufe. Die Hortner:innen bieten eine Werkstatt innerhalb der Fachunterrichte, die nach dem Hauptunterricht stattfinden, an. Da können Kinder hingehen, die nun Ruhe brauchen. Das müssen nicht unbedingt die Förderkinder sein. Da wird Brot gebacken oder da werden die Tiere gepflegt. Es bedeutet also nicht, dass die Kinder rausgehen und spielen, sondern da werden sie sinnvoll praktisch tätig. Es ist eine Ergänzung zum Unterricht. Solche Projekte entstehen eher im Miteinander als Ausdruck unseres ganz eigenen Weges.

Wir sind Modellschule für Inklusion innerhalb des Bundes der Freien Waldorfschulen. Das Wort Inklusion ist ja so ein Kaugummiwort. Was ist denn das eigentlich? Das ist der Traum von einer besseren Gesellschaft, wo jeder so akzeptiert wird, wie er ist. Wir versuchen uns da ja eigentlich immer nur anzunähern. Wir sind eine Schule, an der noch ganz viel möglich ist. Wir sind jetzt im 8. Jahr. Bewährtes wird beibehalten und nicht jeder kann alles wieder umstoßen. Wir sind ja auch eine Elterninitiative. In allen Kreisen sind Eltern dabei. Aber wir gehen stetig unseren Weg.

Ich merke, dass es in den unteren Schuljahren leichter ist, dass die Kinder selbstverständlich miteinander sind. Mit der Zeit bilden sich dann feste Freundschaften. Da kam das beeinträchtige Mädchen schon nicht mehr so mit. Sie ist gut in die Klasse eingebettet. Sie ist gut mit allen. Es wird auch nicht über sie gelacht, sondern mit ihr. Dann ist das eine selbstverständliche Gelebtheit. Das wird in der Pubertät schwieriger, weil jedes Kind, im positiven Sinne, rücksichtslos wird. Es ist wirklich bei sich und mit seinem Umbau beschäftigt.

... diese Klassengemeinschaft ist mindestens 12 Jahre miteinander und wird nicht auseinandergerissen. Das ist ein großer Schatz für inklusive Prozesse.

In diesem Prozess sind wir als Schule auch gerade. Wir sind quasi mittendrin in der Pubertät. Wie gelingt Inklusion in der Mittelstufe? Was tut man jetzt? Muss man doch mehr Förderunterricht anbieten oder lässt man es trotzdem gemeinsam entstehen? Weil die Schüler einfach auch seit der ersten Klasse zusammen sind? Es kam noch keiner zu mir, der gesagt hat: Wegen den I-Kindern kann mein Kind nicht Abitur machen. Solche Gespräche hatte ich noch nie.

Wenn wir in Richtung Schulabschlüsse denken, wollen wir gerne als Schule ein Berufsvorbereitungsjahr (BVJ) anbieten. Unsere Schüler:innen haben ab Klasse 7 einen berufspraktischen Tag pro Woche. Wir haben z.B. eine Kooperation mit dem Hof Mahlitzsch, da fahren einige Schüler hin. Dann haben wir auch einen Medien- und einen DRK-Kurs gemacht. Das soll schon darauf hinführen, dass man in unserer Schule nicht nur einen Schulabschluss macht, sondern eben auch einen berufspraktischen Abschluss in Richtung erstes Lehrjahr. Auch da sind wir jetzt gerade dran. Da gibt es Kolleg:innen, die sich um den inklusiven Oberstufenaufbau kümmern. Das Ziel ist, dass die Klassengemeinschaft tatsächlich 12 Jahre miteinander ist. In der 11. Klasse kann man seinen Hauptschulabschluss machen, in der 12. Klasse dann den Realschulabschluss. Im 13. Jahr kann man sein Abitur machen. Und diese Klassengemeinschaft ist mindestens 12 Jahre miteinander und wird nicht auseinandergerissen. Das ist ein großer Schatz für inklusive Prozesse.

Während des ZINT- Kurses hatte ich folgenden Spruch gefunden: „Wer will, findet Wege, wer nicht will, findet Gründe.“ Ich suche nach Wegen. Das schaffe ich natürlich nicht alleine, sondern dafür braucht es ein Team von Menschen. Ich möchte für etwas sein und nicht gegen etwas. Deshalb ist die Inklusion mein Herzensanliegen.

Interview geführt am: 08.04.2021

Interview veröffentlicht am: 16.06.2021