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Herr Marquardt, Plauen im Vogtland

Irgendwann setzte sich auch die Erkenntnis durch, dass nicht überall Inklusion drüber stehen muss wo Inklusion drin ist. Weil alle die Projekte an denen ich arbeite, für Menschen mit und ohne Behinderung zugänglich sind.

Ich kann von mir sagen, dass ich ein Gesicht inklusiver Aktion im Vogtland war und bin. Man muss in meinem Falle allerdings sagen, dass ich immer Hilfe habe, da ich umfangreiche Einschränkungen habe. Ich sitze nach einer Hirnblutung 2004 im Rollstuhl. Außer Geheinschränkungen habe ich auch noch Höreinschränkungen und bin über mehrere Gliedmaßen mehr oder weniger gelähmt.

Ich benutzte meistens das Wort inklusiv. Weil ich das Adjektiv besser finde. Denn Grundlage für alles was wir machen, mit dem Verein z.B., ist inklusive. Das geht bei der Barrierefreiheit los und hört dann eben irgendwo auf. Sämtliche Angebote müssen inklusiv sein. Und das betrifft nicht nur Menschen mit und ohne Behinderung, sondern alle Menschen. Für mich ist die Grundlage inklusive Arbeit für die inklusive Gesellschaft.

Irgendwann setzte sich auch die Erkenntnis durch, dass nicht überall Inklusion drüber stehen muss wo Inklusion drin ist. Weil alle die Projekte an denen ich arbeite, für Menschen mit und ohne Behinderung zugänglich sind.

Das Wirken für Inklusion ging 2011 mit einem Projekt in Zusammenarbeit mit dem Vogtländischen Knollenring e.V. los. Dort ging es um das Suchen, Testen und Dokumentieren barrierearmer Wanderwege im Vogtland. Für dieses Projekt wurden wir mit dem Inklusionspreis von Mitteldeutschland “Mosaik” 2015 ausgezeichnet. Nach Beendigung des Projektes machte Uli Wenzel, der damalige Vereinsvorsitzende des vogtländischen Knollenrings, allein mit uns (VITAL e.V.) weiter. Bis Uli Wenzel 2017 starb. Das Projekt “Inklusion im Vogtland” der Diakonie Auerbach und Andere machten an dieser Stelle weiter.

An der Gestaltung des Westvogtländischen Wandertags sind wir als Vital e.V. seit 2013 beteiligt. Zusammen mit Heike Löffler vom Vogtländischen Mühlendreieck und Andrea Langbein von der Elterninitiative Hilfe für Behinderte und ihre Familien Vogtland e.V. geben wir praktische Tipps für das barrierefreie Wandern im Vogtland.

Zusammen mit Tina Böhme (auch im Rollstuhl), von der das Projekt ausging, haben wir in Kooperation mit der Tourist-Information Plauen einen barrierearmen Stadtrundgang in Plauen initiiert, der jetzt angeboten wird.

Kommen wir zu aktuellen Aktivitäten:

2015 gab es dann das vom Freistaat Sachsen geförderte “Netzwerkprojekt Inklusionskultur” - ein Projekt zum Abbau gegenständlicher und psychosozialer Barrieren mit Hilfe künstlerisch- kultureller Gestaltungs- und Begegnungsmöglichkeiten sowie Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit. Einen Überblick über das Projekt haben wir auf Anfrage in der Zeitschrift des Seniorenrates Thüringen veröffentlicht. Von diesem recht umfangreichen Projekt läuft noch der “Musikalische Kaffeetratsch” eine monatlich stattfindende Chorrunde im Quartier 30 in Plauen und ein Aquarellmalkurs sowie ein Keramikkurs. Außerdem sind zahlreiche Vernetzungen noch wirksam.

Seit 2011 organisiere ich im November die Ranch-Benefiz-Party zugunsten der Schlaganfall-Selbsthilfe im Vogtland bei der jedes Mal mindestens drei Bands aus der Region kostenfrei spielen zuzüglich der Technikcrew. Ein Freund von mir stellt kostenlos seine Gaststätte mit Saal zur Verfügung. In einem Jahr ist die Veranstaltung ausgefallen, weil er selbst einen Schlaganfall hatte.

Ich bin für das Internetangebot des VITAL e.V redaktionell verantwortlich, habe auch technisch die Seiten gebaut.

Im Rahmen der Selbsthilfegruppe Schlaganfall Plauen in deren Organisation ich auch tätig bin, haben wir jetzt im Februar beschlossen uns am Projekt Barrierefreier ÖPNV im Vogtland zu beteiligen. Das ist eine Sache, die sehr aktuell ist.

Ich arbeite im Beirat für „Menschen mit Behinderung“ des Vogtlandkreises mit.
Als Verein betreuen wir 6 Selbsthilfegruppen. Das Thema „Barrierefreier Öffentlicher Nahverkehr“ ist immer ein Problem. Es müsste eigentlich Thema sein, ist es aber kaum.

Es hat sich eingebürgert, zum Teil ist es aus der Not entstanden, dass man Fahrgemeinschaften bildet, bzw. die Fahrten über den Verein organisiert. Vor allem ist es immer noch so, dass man sich ein paar Tage vorher anmelden muss um Bus und Bahn zu nutzen. Diese Fristen müssten verkürzt werden, weil die Spontanität verloren geht. Inzwischen hat sich einiges getan.

Bei den Bussen ist es ähnlich. In der Region wurden Kleinbusse angeschafft. In diese kommt man als Rollstuhlfahrer mit großen, aber handelsüblichen Rollstühlen nicht rein. Wir haben es probiert. Das sind Dinge, die wollen wir ins Rollen bringen. Dort wollen oder müssen wir uns einbringen.

Ich habe schon mal mit jemandem aus Chemnitz vom Sozialverband VdK Deutschland e.V. gesprochen. Die waren aber noch nicht im Vogtland. Die machen Mobilitätstraining, aber waren noch nicht hier. Es ist nun mal Fakt, dass das hier ländliches Gebiet ist. So ein Projekt in Dresden ist kein Problem, aber so ein Projekt im Vogtland ist ein Problem.

Was ich mir für die Zukunft erhoffe ist, dass die Entwicklung nicht wieder zurückgeht. Dass es nicht wieder schlechter wird. Wir haben in Sachsen so viele Möglichkeiten, wie z.B. das Investitionsprogramm Lieblingsplätze. Es wäre sehr zu bedauern, wenn wir diese ganzen Projekte und Errungenschaften wieder verlieren. Aber es gibt politische Entwicklungen, mit denen wir langsam Gefahr laufen, dass es zurückgeht.

Ich hab das Glück, dass ich durch meine Arbeit viele Kontakte habe, so dass meine Sicht eine andere ist, als vielleicht normalerweise. Da bekommt man viel mit, was die breite Masse nicht mitbekommt. Bezüglich der Stimmung hier in Plauen ist mein Blick doch nicht repräsentativ.

Letzte Woche haben wir z.B. eine Behindertentoilette in einem Besucherbergwerk eröffnet. Das sind ja Dinge, die bekommt die breite Masse nicht mit, außer sie liest es kurz in der Zeitung.

Wir arbeiten oft mit Berufsbildenden Schulen. Wir arbeiten auch schon seit Jahren mit dem Tourismusverband Vogtland. Das sind Dinge, wo wir Menschen ohne Behinderung erreichen.

Ich komme eigentlich überall hin mit meinem Rollstuhl. Mein Eindruck ist, es gibt eigentlich wenige wirkliche Barrieren. Und es gibt oft Menschen die Helfen. Aber jemand der nicht groß raus geht, für den sieht das anders aus.

Und was ich auch mitbekomme, ist das viele noch denken „du kannst es sowieso nicht“. Es sind ja oft nur individuelle Sachen, die Gesamtbild mitbestimmen. Jemand der sich mit Behinderungen beschäftigt, der ist drin in dem Thema und für den sieht es anders aus.

Es ist nicht alles schön, aber doch viel besser als vor Jahren.

Steffen Marquardt, Vorsitzender des VITAL e.V. im Vogtland