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Wegen Uns e.V., Dresden

Ich finde, dass Pflegefamilien Inklusion leben.

Wegen uns e.V. gibt es seit ca. 23 Jahren. Wir haben als kleine Selbsthilfegruppe für Pflegefamilien angefangen. 2007 gab es einen Vorstandswechsel. Das Team, welches  damals übernommen hat, unter anderem auch ich, hat gesagt: Das kann es noch nicht sein. Wir brauchen ein bisschen mehr, als einmal im Monat eine Weiterbildung anzubieten. Und sind wir  schrittweise immer größer geworden. Wir haben hier in Dresden die Hauptgeschäftsstelle und eine Außenstelle in Leipzig.

Zurzeit haben wir um die 55 Mitarbeiter. Viele davon in Teilzeit. In Dresden haben wir zwei Kindertagespflegen. Das ist zum einen die Kükenkoje; hier werden Kinder von 0 bis 3 Jahren betreut. Dann haben wir noch „Die kleinen Dreckspatzen“. Dort werden Kinder von 3 bis 6 Jahren mit einem integrativen Ansatz betreut. Wir haben z.B. ein kleines Mädchen, die Autistin ist, oder auch einen Jungen, dessen Mutter in der Schwangerschaft Crystal konsumiert hat.

Wir schauen, wer gute Ideen hat und versuchen diese zügig umzusetzen.

Es ist ein bisschen schade, dass sich die Stadt Dresden auf Kindertagespflege von 0 bis 6-jährigen Kindern nicht so richtig einlässt. In den großen Kindergärten gehen solche Kinder eben unter. Bei uns sind es Gruppen von ca. vier bis fünf Kindern, wie bei anderen Tagesmüttern auch. Durch die kleine Größe gestaltet sich die Betreuung sehr individuell. 

Wir befinden uns gerade in der Hauptgeschäftsstelle, hier bilden wir die Pflegefamilien aus oder machen Weiterbildungen. Uns ist es sehr wichtig, dass sich alle Mitarbeiter mit dem Anliegen unseres Vereins identifizieren. Wir wollen uns nicht nur als Arbeitgeber sehen. Wir leben  ein gutes Miteinander. Wir schauen, wer gute Ideen hat und versuchen diese zügig umzusetzen. Wir müssen nicht schauen, was der jeweilige Vorgesetzte dazu sagt, sondern wir probieren es einfach aus. Manchmal klappt es nicht, aber dann ist es ebenso. Aber wir können sagen: wir haben es versucht. Die Hälfte des Vorstandes arbeitet direkt hier, die andere Hälfte ist aber immer erreichbar. Das ist auch ganz wichtig, dass von außen Einblick vorhanden ist. Ein Großteil unserer Arbeit betrifft die Kinder- und Jugendarbeit. So können wir Angebote speziell für Pflegekinder oder verhaltensbesondere Kinder anbieten, z.B. für Pflegekinder, die nicht mit ins Ferienlager können oder die aus dem Fußballverein „rausgeflogen sind“. Diese Kinder sind oft sehr lebhaft. Sie warten nicht bis sie den Ball abspielen können, sondern die spielen den Ball sofort. Oder sie sind die lautesten im Kinderchor.

Das Ferienlager-Angebot ist vor allem für Kinder, die eine 1-zu-1-Betreuung brauchen. Inzwischen fahren nicht nur Pflegekinder mit, sondern auch Kinder mit Handicap. Wir fahren in der Regel mit zehn Kindern und sieben Erwachsenen ins Ferienlager. So ein Ferienlager ist teuer. Wir wissen, dass unsere Familien das aus eigener Tasche bezahlen müssen. Es  kommt keine Kommune und sagt: Wir bezahlen das Ferienlager für das Pflegekind. Deshalb versuchen wir es relativ günstig zu halten. Bei uns kostet die Woche ca. 280 €. Damit ist die Unterkunft abgedeckt. Das Personal ist hauptsächlich ehrenamtlich dabei und die Verpflegung stellt unser Verein. Das Fahrgeld und den Rest versuchen wir mit Spenden so auf die Beine zu stellen.

Wir bieten auch noch Ferien-Wochenenden in den Herbst- und Winterferien an. Dann gibt es noch den Sportdienstag mit Erlebnispädagogischen Inhalt, an dem es nachmittags immer mal woanders hin geht. 6 Mal im Jahr gibt es auch einen Samstag, an dem die Pflegeeltern das Kind früh um 9 Uhr abgeben und abends 18 Uhr wieder abholen können. Wir betreuen dann die Kinder 1-zu-1 und die Eltern haben einen Tag, an dem sie Zeit für sich haben.

Ein Beispiel ist unsere WG. Wir haben zwei  inklusive WGs ermöglicht, die von Aktion Mensch unterstützt werden.

Es gibt bei uns das große Gebiet der Pflegeeltern-Arbeit. Daraus ist schrittweise auch  die Arbeit entstanden, die wir jetzt für behinderte Menschen machen. Ein Beispiel ist unsere WG. Wir haben zwei  inklusive WGs ermöglicht, die von Aktion Mensch unterstützt werden. Wir als Verein mieten die Wohnungen an und begleiten die Wohngemeinschaft. Es ist aber nicht das typische Konzept, bei dem der Sozialpädagoge vor Ort ist. Die behinderten jungen Menschen wohnen mit Schülern oder Studenten zusammen. Dabei ist uns wichtig, dass es ein gegenseitiges Geben und Nehmen ist. Bei den WG-Versammlungen sind wir dabei und schauen auch sonst regelmäßig vorbei, aber wir sind nicht ständig vor Ort. Das Konzept läuft ganz gut.

Seit Juli 2020 konnten wir mit einem weiteren Projekt durchstarten. Hier geht es  um eine Beratungsstelle für Kinder und Jugendliche mit und ohne  Behinderung. Also ausdrücklich nicht für Eltern, sondern für die Kinder und Jugendliche selbst. Denn wir haben viele Kinder mit Handicap, die sich nicht raus trauen. Wir waren mit unserer Idee bei einem Mitarbeiter vom Jugendamt. Dieser war etwas verwundert und meinte, es gibt doch jede Menge Jugendclubs. Aber Jugendliche mit einem Handicap gehen dort nicht hin, weil sich nicht trauen. Wir haben Im Frühjahr 2019 ein Pilotprojekt gestartet, um zu schauen wie es angenommen wird. Die Kinder und Jugendlichen nahmen es sehr gut an. Wir arbeiten  mit Paten-Studenten und Sozialpädagogen. Die Arbeit ist sehr intensiv. Es findet 1-2 pro Woche ein Treffen statt. Da wird überlegt, was unternommen wird bzw. welche Fragen oder Probleme aktuell anstehen: „Was gibt es in meiner Nähe an Angeboten?“ Beispielsweise waren Einige in einem Comic-Laden um die Ecke, weil ein Jugendlicher gerne zeichnet. Deshalb waren wir dann später auch in einem Park und haben Zeichnungen angefertigt.

Die Kinder lernen bei uns Toleranz und haben jemanden neben sich, der sie mitzieht.

Manchmal gehen wir auch shoppen. Es ist viel cooler ohne Mutter, die dann nicht mit hinten dranhängt und vorgibt, was schön aussieht. Wir möchten mit den Kinder und Jugendlichen Gruppen bilden, welche sich innerhalb der Gruppe unterstützen und den Mut finden, allein loszuziehen.

Für dieses Projekt erreichen wir die Kinder über ihre Pflegefamilien. Wir haben auch Kontakt zu verschiedenen Schulen in Dresden  aufgenommen. Dort gibt es einige Kinder, die einfach nur einen kleinen Schubs brauchen, um sich z.B. für ein Praktikum zu bewerben. Die Kinder lernen bei uns Toleranz und haben jemanden neben sich, der sie mitzieht.

Wir haben Kinder, die kein Handicap haben, aber ein Trauma. Diese Kinder betrifft diese Problematik  auch. Da kommt sonst keiner und sagt: Ach, der ist seelisch behindert, der braucht Hilfe. Wir wollen diese Kinder und Jugendlichen „einsammeln“ und mit ihnen rausgehen, ihnen sagen: Komm, wir schauen uns z.B. mal das PEP an.“ Das ist ein Jugendclub hier in der Gegend. Oder „Geh mal in die Dresdner Neustadt, da ist zum Beispiel die BRN (Bunte Republik Neustadt).“ 

Mein Sohn ist 19 Jahre alt und auch Autist. Er ist auch Mitglied in diesem Projekt. Er ist immer um das Szeneviertel Neustadt geschlichen und hat sich nicht rein getraut. Jetzt geht er allein los. Mit der richtigen Begleitung ging es  schnell. Und das ist für mich das Zeichen, dass jemand Cooles kommen muss und die Leute mitnehmen muss. Dann wird es Normalität. Wir haben mit  Studenten gute Erfahrung gemacht. Die kennen sich in der Szene aus. Und so ist das Angebot auch sehr niederschwellig.

Für dieses Projekt bekommen wir eine Förderung durch die ARD Fernsehlotterie  Und gerade die Jugendlichen mit Handicap sind vielleicht noch mehr gefährdet in die falsche Gruppe zu geraten. Deshalb sind solche Projekte nötig. Die zwei Mitarbeiter, die dieses Projekt betreuen sollen und wollen, haben das Konzept in ihrem Praktikum erarbeitet. Sie kommen von der Fachhochschule Dresden. Die würden das Projekt sehr gerne übernehmen und haben natürlich auch gute Kontakte zur Hochschule. Die zwei Mitarbeiter haben zudem einen guten Draht zu den jungen Leuten.

Dieses Angebot ist manchmal ein Lichtblick für die Eltern, um mal durchatmen zu können.

Das dritte Teilprojekt, welches wir im Bereich Behinderung anbieten, ist die Familienentlastung. Das machen wir über den KSV, über die Betreuungsleistung der Krankenkassen. Wir gehen in die Familien mit möglichst immer dem gleichen Betreuer. Die Leistungen erstrecken sich von der Haushaltshilfe bis hin zur Begleitung bei Therapien. Der Betreuer fährt auch mit dem Kind ins Ferienlager. Die Betreuer können auch ein- bis zweimal in der Woche nachmittags kommen und mit den Kindern basteln oder auf den Spielplatz gehen. So entlasten wir die Eltern. Das wird sehr gut angenommen. Dieses Angebot ist manchmal ein Lichtblick für die Eltern, um mal durchatmen zu können.

Wir sind auch in der Schulintegrationshilfe tätig. Dort haben wir sehr viele seelisch behinderte Kinder, aber auch körperlich und geistig behinderte Kinder. Diese Fälle werden uns über das Sozial- und Jugendamt vermittelt. Das sind mittlerweile auch 24 Fälle in Leipzig und Dresden, bei denen wir Betreuer mit in die Schule schicken. Die Mitarbeiter sind in der Schule und betreuen die Kinder 1-zu-1. Diese Kinder werden teils vom Jugendamt und teils vom Sozialamt betreut. 

Man darf nicht denken, dass man als Pflegefamilie das Kind irgendwann zurückgeben muss. Wir haben 98 % der Kinder in Dresden, die in ihrem Pflegefamilien bleiben. 

Man muss einfach sagen: Der eine kam aus meinem Bauch, der andere nicht, aber ihr seid trotzdem alle meine Kinder. 

In Bezug auf eine Adoption bin ich etwas Zwiegestalten. Ich denke als Kind ändert man sich bis man erwachsen ist. Und dann stellt man vielleicht fest, dass das Familiensystem nicht das richtige war. Genetik darf man auch nicht unterschätzen. Gerade was Umtriebigkeit betrifft und das Unterwegs sein. Ich finde, wenn die Kinder 18 sind und dann sagen „adoptiere mich“, dann ist das vielleicht die beste Variante. Weil sie sich dann bewusst selbst entscheiden. 

Ich bin selbst Pflegemutter und ich finde, man muss von Anfang an ehrlich sein und sagen, dass man das Kind nicht geboren hat. Da machen meist die Erwachsenen eher ein Problem daraus als die Kinder. Man muss einfach sagen: Der eine kam aus meinem Bauch, der andere nicht, aber ihr seid trotzdem alle meine Kinder. 

Wenn ich Pflegemutter eines Pflegekindes bin, dann habe ich automatisch das Alltags-Sorgerecht und kann alles im Alltag entscheiden. Überall wo „Erziehungsberechtigte“ drunter steht, darf ich sozusagen entscheiden. Wenn es aber darum geht ein Kind z.B. ins krisengeschüttelte Ausland zu schicken, dann muss der Sorgeberechtigte unterschreiben. Der Sorgeberechtigte entscheidet alles, was Auswirkungen auf das weitere Leben hat. Entweder ist das ein Amtsvormund oder ein Berufsbetreuer oder es sind manchmal die leiblichen Eltern. Oder es sind die Pflegeeltern. Ich habe z.B. für meine Kinder die komplette Elternfürsorge. Dieses Recht hat man nicht gleich, aber wenn alles gut läuft bekommt man es in der Regel nach zwei Jahren. Dann entscheidet man eigentlich alles, so wie beim leiblichen Kind. Es gibt ein paar kleine Einschränkungen. Wenn das Kind z.B. eine Ausbildung beginnt, dann muss ich mir das vom Amtsgericht noch einmal genehmigen lassen. Wenn ich eine Namensänderung durchführe, dann muss das Amtsgericht zustimmen. Oder wenn ich ein Konto für das Kind eröffne. 

Wenn die leiblichen Eltern plötzlich sagen, sie möchten ihr Kind zurück, dann würde ich schauen, wie lange das Kind schon in der Pflegefamilie ist. Wenn das Kind schon ein Jahr in der Familie ist, dann würde ich einen Antrag auf Verbleib in der Pflegefamilie stellen. Denn dann ist damit zu rechnen, dass das Kind nicht ohne Schaden aus der Pflegefamilie geht. Es geht nicht ohne weiteres, dass die Eltern ihr Kind zurückbekommen. Vor so etwas haben natürlich Pflegefamilien Angst. Aber so einfach ist es eben nicht. Mit den Eltern, die dann tatsächlich wieder für ihre leiblichen Kinder da sind, kann man auch arbeiten. Das sind allerdings eher wenige Ausnahmen. Die meisten Eltern sind nicht mehr präsent. Wenn also die leiblichen Eltern wirklich da sind, dann kann man mit denen auch meistens gut reden und ihnen erklären, dass das Kind jetzt viele Jahre in einer Pflegefamilie war und dort Mama und Papa hat. Als leibliche Eltern kann man trotzdem da sein, wenn man gebraucht wird. 

Mit unserer Geschäftsstelle wollten wir mittendrin sein im Geschehen. Ich muss sagen, hier vor Ort ist es ein sehr harmonisches Miteinander. Das ist hier schon ein Problem-Viertel. Aber ich möchte hier auch nicht weg.

Es ist mir egal, ob das Kind eine geistige Behinderung hat, ich behandle es normal.

Ich finde, dass Pflegefamilien Inklusion leben. Meine Tochter ist 20, sie ist geistig schwerbehindert. Mein Pflegesohn ist Autist, der nächste hat eine Traumatisierung und der Vierte ist Crystal-Kind. Für mich war aber wichtig, dass Behinderung gar keine Rolle spielt. Meine Tochter hat sich damals mit 14 wahnsinnig bei ihrer Lehrerin beschwert, weil ich gesagt habe: Nimm mal deinen Ausweis mit, den brauchst du. Sie hat entziffert was darauf stand und meinte „Mutti behauptet ich wäre behindert“. Dann habe ich erstmal alle zusammengetrommelt und mich mit ihnen hingesetzt. Ich habe gesagt: Papa hat Rücken, Mutti hat einen Putzfimmel. Jeder hier am Tisch hat irgendwie eine Meise. Ein oder Zwei von uns haben das Glück einen Ausweis zu haben und die können dann damit kostenlos rumfahren. Sie können ins Kino oder ins Schwimmbad und können sogar noch jemanden mitnehmen. Und dann saß sie am Tisch und war eigentlich ganz stolz. 

Es ist mir egal, ob das Kind eine geistige Behinderung hat, ich behandle es normal. Das ist das Wichtigste. Nicht, dass man sagt „du hast das jetzt“, sondern dass man einfach die Normalität lebt. Nicht zu sagen: Versteht sie das mit dem Besteck? Sondern es einfach zu machen. Ich habe drei Monate am Besteckkasten gestanden und gesagt: Such bitte die Messer raus. Nach drei Monaten hat sie es gekonnt.

Als Pflegefamilie wächst man in vieles hinein. Klar hat man Zweifel, ob man das alles schafft, aber mit der Zeit wächst man hinein, und dann ist es Normalität. Das läuft in Dresden gut, denn die behinderten Kinder werden nicht abgetan, sondern laufen alle übers Jugendamt und werden dann auch vermittelt.

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