Lucy und Rosi, Dresden
Ich bin Lucy und gehe zur Schule. Nächstes Jahr bin ich aber endlich durch damit. Ich habe ADHS, eine Essstörung und eine Borderline Persönlichkeitsstörung.
Ich bin Rosi, ich gehe auf die gleiche Schule wie Lucy und bin in einer Parallelklasse, wir sind also in einer Stufe. Ich habe eine Depression, eine Essstörung und eine soziale Angst- und Panikstörung. Ich hatte auch schon einige Verdachtsdiagnosen in Richtung Bipolar. Lucy ist einer der Menschen, mit denen ich am meisten über meine Krankheiten reden kann. Auf der Klassenfahrt letztes Jahr haben wir uns eigentlich richtig kennengelernt, da haben wir angefangen zu reden und gemerkt, dass uns sehr viel verbindet.
Wir gehen beide sehr reflektiert mit unseren Krankheiten um. Es begleitet uns beide schon lange und wir haben einen ähnlichen Leidensweg mit Klinik und Therapie.
Lucy: Krank bin ich schon immer. ADHS habe ich schon immer. Die Diagnose für die Essstörung habe ich zwar erst vor Kurzem bekommen, aber Gedanken in die Richtung habe ich schon, seit ich ein Kind war. Borderline habe ich auch schon immer. Es entsteht aus einer Trauma-Folgestörung, die im frühkindlichen Alter durch verschiedene Traumata und eine genetische Veranlagung entsteht. Eigentlich habe ich alles schon mein Leben lang. Deshalb weiß ich auch nicht, wie es ohne diese Krankheiten ist.
Gemerkt habe ich das schon als Kind. Ich war ziemlich alleine als Kind, ich hatte bis zur dritten Klasse keine Freunde, weil ich nicht so war, wie die anderen Kinder. Meine Interessen haben schneller gewechselt. Ich habe mich stark für etwas interessiert und dann meine Eltern gebeten, mir Dinge für dieses Hobby zu besorgen, um dann nach zwei Wochen keine Lust mehr darauf zu haben. So habe ich das oft gemacht und es war dann relativ schwierig mit den anderen Kindern gemeinsame Interessen zu finden. Und innerhalb der Familie bin ich dann auch schon ab und zu angeeckt.
Rosi: Das erste Mal Selbstwertprobleme oder essgestörte Gedanken hatte ich in der Grundschule auf Grund von Mobbing. Wegen meines Aussehens und wegen meines Gewichts. Ich war schon immer größer als andere und damit ja auch schwerer als andere. So richtig essgestört bin ich dann mit 12 geworden. Die zwei Jahre davor habe ich viel Stress durch Essen kompensiert. Das ist immer extremer geworden und dadurch bin ich in eine Gedankenspirale geraten. Dann ging es los mit Selbstverletzungen, mit depressiven Gedanken und mit essgestörtem Verhalten. Mit 13 war ich dann das erste Mal in der Klinik. Meine Mutter ist selbst psychisch krank, deshalb hat sie damals schnell reagiert, als sie gemerkt hat, dass es mir nicht gut geht und ich mich selbst verletzt habe. Sie hat mich sofort zu einem Psychologen gebracht und einen Therapieplatz für mich gesucht. Der war dann in der Klinik, aber leider hat der Therapieplatz nicht geholfen, um ehrlich zu sein.
Lucy: Bei mir auch nicht. Die Tagesklinik, in der ich war, hat für den Zeitraum, wo ich dort war, schon geholfen. Aber in der Zeit danach ist es nur noch schlimmer geworden als davor. Ein paar Monate nach der Tagesklinik war ich für ein paar Tage in der Geschlossenen. Dort bin ich dann aber schnell wieder raus und in die stationäre Klinik gekommen. Das hat schon etwas geholfen, weil man immer etwas dazu lernt. In der stationären Klinik ging es mir richtig gut, weil ich ganz viel Struktur hatte, weil ich in einem geschützten Raum war, weil ich mich verstanden gefühlt habe, weil da alle anderen auch krank waren. Und als ich raus war, war alles genauso wie vorher.
Rosi: Bei mir war es in der Klinik anders. Ich bin 2022 für vier Monate in die Klinik in Arnsdorf gekommen. Am Anfang wurde mir gesagt, dass ich für etwa einen Monat in die Klinik komme, es waren dann aber am Ende vier. Dort hat sich meine Essstörung gefestigt. Ich habe dort Ticks entwickelt. Es gab in der Klinik andere Patienten, die starke Wutausbrüche hatten und ich habe dann deshalb Panikattacken bekommen. Daraus hat sich eine Tick-Störung entwickelt. Dort habe ich auch angefangen, teilweise Stimmen zu hören. Das hatte ich vorher nie. Das Einzige, wobei sie mir dort wirklich geholfen haben, war meine soziale Angst. Die habe ich heute fast gar nicht mehr. Aber ansonsten ist dort fast nichts besser geworden. Danach war ich noch zwei Monate in der Tagesklinik. Da ist aber nicht viel passiert. 2023 war ich eine Nacht auf der Akutstation und 2024 noch einmal fünf Tage in der Uniklinik.
Ich habe mich in den Kliniken immer etwas weggesperrt gefühlt. Meine Therapeutin war fast nie da. Ich hatte, glaube ich, nicht einmal jede Woche Therapie. Es war schlecht organisiert. Deshalb habe ich meine Zeit meistens dort einfach nur abgesessen und sehr intensive Beziehungen oder Freundschaften mit Mitpatienten geführt. Und dann pusht man sich teilweise so, aber eher im negativen Sinne. Weil man sich gegenseitig darin bestätigt, wie schlecht es einem geht. Und deswegen finde ich das Konzept von Psychiatrien echt schwierig, vor allem im Jugend- und Kinderbereich. Denn es kann sehr kontraproduktiv sein.
Lucy: Ich finde das Konzept schwierig, alle möglichen Krankheiten auf eine Station zu stecken. Wenn man beispielsweise Leute hat, die auf Grund von Familienproblemen traumatisiert sind, dann aber wieder andere Leute mit Aggressionsproblemen, die regelmäßig ausrasten, dann ist das nicht förderlich.
In der Klinik, in der ich war, haben sie mir gesagt, dass sie mir nicht helfen können und ich auf eine Spezialstation müsste, für die ich mich auch angemeldet hatte. Aber dort haben sie mich auf Grund meiner Selbstverletzungen und der darauffolgenden Hauttransplantation abgelehnt, weil das damals noch keine zwei Jahre her war und die Spezialstation nicht die Mittel hat, um potenziell neue Verletzungen noch einmal zu versorgen. Die Transplantation hätte zwei Jahre her sein müssen, damit sie mich aufnehmen. Das macht schon Sinn. Das war aber schade für mich, weil ich gern dahin wollte, um die dialektisch-behaviorale Therapie (DBT) zu machen. Das wird vor allem bei Borderline eingesetzt. Da gibt es einen A und B Teil. Der A-Teil ist stationär und der B-Teil ist dann ambulant bei einem Therapeuten. Ich kann das BDT nicht angehen, ohne vorher in einer Klinik gewesen zu sein. Es gibt aber nur sehr wenig Plätze dafür. Deshalb ist es sehr schwer, einen Platz zu bekommen.
Rosi: Ich hätte mir eine engere therapeutische Betreuung gewünscht. Ich weiß nicht, ob es in der Klinik, in der ich war, einfach nur schlecht organisiert war, oder ob es generell so vorgesehen ist, dass man nur eine Therapiestunde in der Woche hat. Ich habe mich wirklich wie weggesperrt gefühlt und nicht so, als ob man mir dort hilft. Das ging mir bei allen Klinikaufenthalten so, geplant oder ungeplant. Das letzte Mal als ich auf die Akutstation gekommen bin, wurde ich eingeliefert und dann fünf Tage in Isolation gesteckt – in das Anti-Suizidales-Setting (ASS). Und erst nach den fünf Tagen habe ich mit einem Therapeuten gesprochen. Das war gleichzeitig auch mein Entlassungsgespräch. In dem Gespräch habe ich gesagt, dass ich zu Unrecht hier bin, weil ich keinen Suizid-Versuch begangen habe. Trotzdem ging es mir aber nicht gut – ich war dort wegen einer Alkoholvergiftung. Zu der Zeit hatte ich ein sehr starkes Alkoholproblem. In dem Zustand, in dem ich eingeliefert wurde, konnte ich natürlich auch nicht erklären, wie es mir geht oder welche Absichten ich hatte.
Das ganze System ist eigentlich fehlerhaft. Einen Verbesserungsvorschlag habe ich leider auch nicht. Ich weiß nicht, wie man es besser organisieren könnte, aber so wie es jetzt ist, ist es nicht hilfreich.
Meine Langzeittherapie ist nun auch bald vorbei. Ich habe nur noch ein Pensum von 150 Minuten im Quartal, also eine Therapiestunde pro Monat, bis ich in zwei Jahren eine neue Therapie beantragen darf. Das ist der Standard. Ich brauche aktuell auch nicht mehr Therapie, aber wenn ich es bräuchte, wenn es mir schlechter gehen würde, dann könnte ich aktuell nur in eine neue Therapie kommen, wenn ich eine neue Diagnose hätte. Da müsste man sich also etwas aus den Fingern saugen.
Lucy: Seit circa vier Jahren habe ich auch ein essgestörtes Verhalten. Es wurde am Anfang immer auf das ADHS geschoben bzw. wurde sich in der Tagesklinik nicht darum gekümmert, sondern nur auf das ADHS geguckt. In der nächsten Klinik wurde nur auf das Borderline geguckt. In der Therapie wurde im April gesagt, dass ich eine Essstörungsdiagnose bekomme. Dann hieß es aber doch wieder, dass es nur das Borderline ist. Da habe ich mich ein bisschen verarscht gefühlt. In den Therapien in der Klinik hat man sich auf das Thema Essstörung nicht richtig fokussiert. Obwohl das eigentlich das Ziel war. In der Tagesklinik hat man es auch nicht geschafft, darauf zu achten. Durch die Essstörung habe ich mir meine Zähne kaputt gemacht. Ich habe eine Mineralisierungsstörung entwickelt. Das ist halt scheiße.
Rosi: Ich find es gut, dass ich mit Lucy konstruktiv und reflektiert darüber reden kann, wie es mir geht. Ich habe nicht viele Leute mit denen ich das machen kann, die ähnliche Struggles wie ich haben. Ich habe sehr lange daran festgehalten, dass ich meine Krankheit bin und nicht weiß, wer ich ohne meine Krankheit bin und deswegen gar nicht gesund werden möchte. Und ich habe Freunde, die immer noch an diesem Gedanken festhalten, und mit denen kann ich mich nicht so unterhalten.
Lucy: Ich finde es auch gut, dass ich mit Rosi und einer anderen Freundin darüber reden kann. Sie bringen unter anderem sehr gute Lösungsansätze ein. Sie hören mir zu und wenn ich sage, dass ich keine Lösungsansätze brauche, dann bekomme ich auch keine geliefert. Manchmal will man auch nur, dass einem zugehört wird. Aber ich finde es wichtig, dass dann auch gute Lösungsansätze kommen und nicht so etwas wie: Geh doch mal an die frische Luft!
Mit anderen Freunden, die psychisch krank sind, war das anders. Wir haben uns gegenseitig reingesteigert. Wir haben wie so ein Wettbewerb daraus gemacht, wer kränker ist. Mit Rosi tragen wir diesen Wettbewerb nicht aus. Weil es darum gar nicht geht. Wir stabilisieren uns eher gegenseitig, das finde ich gut.
Rosi: Wir haben keine Besonderheiten, wir haben Krankheiten. Und die bleiben auch für immer. Und im Endeffekt wirst du ja nie wieder gesund. Es gibt keine hundertprozentige Heilung für psychische Krankheiten. Du musst wissen, wie du damit umgehst und klarkommst.
Lucy: Ich finde es gut, dass ich mit Rosi ehrlich über Situation sprechen kann, und dass mir meine Freunde ehrlich sagen, wenn ich in einer Situation im Unrecht bin. Ich finde das wichtig. Selbst wenn ich das nicht hören möchte. Weil ohne konstruktive Kritik und Ehrlichkeit kann ich mich ja nicht verbessern und weiß nicht, was ich besser machen soll.
Die Freunde, die ich habe, die verstehen mich, weil ich auch ehrlich darüber rede, was in meinem Kopf los ist und welche Krankheiten ich habe. Mir kommt es nur darauf an, dass ich meinen Freunden vertrauen kann und sie berücksichtigen, dass ich krank bin.
Rosi: Das sehe ich genauso.
Lucy: Wenn es bei mir akut schlecht läuft und es gar nicht mehr geht, dann gehe ich auf die Akutstation. Da kann ich einfach hingehen, die kennen mich. So steht es auch in meinem Notfallplan: Wenn es gar nicht mehr geht, muss ich dorthin. Ich habe aber auch meinen Erziehungsbeistand. Den habe ich über das Jugendamt bekommen. Seit ich in der Tagesklinik war, sind meine Eltern und ich in Kontakt mit dem Jugendamt. Der Beistand hilft mir dann beispielsweise auch beim Ausziehen aus dem Elternhaus, was ich bald vorhabe. Das finde ich sehr praktisch. Alternativ gibt es aber auch den Psychosozialen Dienst oder auch andere Anlaufstellen, wenn man Hilfe braucht.
Rosi: Ich habe das Glück, dass ich eine sehr verständnisvolle Mutter habe. Ich kann eigentlich über fast alles mir ihr reden. Das ist auch in den letzten Monaten immer besser geworden. Vorher war ich verschlossener. Ansonsten gibt es genug Stellen, die man auch im Internet schnell finden kann. Es gibt auch Nummern, die man anrufen kann, wenn man mal mit jemanden reden muss. Leider geht dort aber selten jemand ran.
Dann gibt es noch Social Media. Dort gibt es auch gute Creator, die guten Content machen und gut über verschiedene psychische Krankheiten reden. Die geben Tipps, die auch mir geholfen haben. Oder sie teilen ihre Strategien oder aufmunternden Content, der wirklich hilft. Aber wenn du im Internet irgendwas in Richtung Depression googelst, wirst du nur Sachen finden, die dich bestätigen und dich weiter runterziehen. Es ist zwar immer doof zu sagen: „Es ist Trend geworden“, aber auf Social Media ist es das Thema Depression tatsächlich ein krasser Trend. Ich habe mir früher öfter Inhalte angeschaut und mich von denen runterziehen lassen, weil sie mich in dem Gefühl bestätigt haben, dass es mir schlecht geht. Dieses Gefühl kenne ich seit Jahren und ich habe Angst, dass es mir nie wieder schlecht gehen wird. Das ist total irrational, aber ich habe auch jetzt, wo es mir gut geht, Angst davor, gesund zu sein. Ich habe Angst davor, nie wieder krank zu sein. Diese Gedanken haben tatsächlich viele Menschen. Das hat mir auch meine Therapeutin erzählt: Viele Menschen, die länger psychische Probleme hatten, haben Angst davor, loszulassen. Denn je länger man wartet, um sich Hilfe zu suchen oder in der Therapie mitzumachen, desto mehr gewöhnt man sich daran und lehnt sich darin zurück. Es hat natürlich auch irgendwo Vorteile, mal ganz doof gesagt. Ich konnte mir das Recht rausnehmen, wenn es mir nicht gut geht, von der Schule nach Hause zu gehen. Ich konnte mal einen Tag zu Hause bleiben, wenn es mir nicht gut ging. Das sind dann so Bequemlichkeiten. Es ist auch einfach das Gefühl, dass die Krankheit mit meiner Identität verschmolzen ist, dass ich depressiv bin. Ich bin depressiv und ich kann mir nicht vorstellen, dass ich nicht depressiv bin. Ich habe Angst, dass mir etwas von meiner Persönlichkeit verloren geht, wenn ich gesund bin.
Lucy: Auf Social Media, zum Beispiel Tiktok, gibt es viele komische Videos in denen sich Leute selbst diagnostizieren. Unter diesen „Trendkrankheiten“ sind vor allem ADHS, Depression, Borderline und natürlich alle Essstörungen, vor allem auch Anorexie (Magersucht). Wenn man bei Anorexie etwas tiefer reingeht, dann kommen ganz viele toxische Motivationen, so was wie „nothing tastes as good es skinny feels“ oder so was wie „a pig with lipstick is still a pig“. Und die Leute kommentieren dann unter den Beiträgen und geben sich gegenseitig Tipps. Tiktok ist da gerade der schlimmste Kanal, weil dort so viele junge Kinder unterwegs sind, die sowieso schon mit ihrem Körper stuggeln. Wenn die dann auf solche Seiten kommen, dann wird es richtig gefährlich. Dann kommt man zum Beispiel über die Kommentare in Pro-Ana Gruppen (Gruppen, die im Internet Anorexie idealisieren und verherrlichen) rein, weil in die Kommentare Discord Server oder WhatsApp Gruppen reingeschrieben werden. Von diesen Pro-Ana Gruppen gibt es verschiedene Kategorien. Es gibt leichte, mittlere und schwere Gruppen. Ist man in einer Gruppe, macht man Gruppenaufgaben. Dafür schickt man einmal am Tag ein Bild von seinem Körper in Unterwäsche in die Gruppe und schreibt dazu, was man gegessen hat. Dann kommentieren die Leute das und sagen so was wie „du hast viel zu viel gegessen“. Wegen solcher Gruppen sind auch schon Menschen gestorben, weil die einfach dann gar nichts mehr gegessen haben. Das ist mega gefährlich.
Rosi: Das Problem solcher Gruppen ist, dass die Essstörung ja schon in uns drin ist. Diese Gedanken sind ja schon da. Und wenn man dann ein Video auf die 4you Seite ausgespielt bekommt, wo es um Skinny-Talk geht und du motiviert wirst, nichts zu essen und abzunehmen – na klar denk ich dann darüber nach!
Ich versuche schon, dass ich mittlerweile an diesen Contents vorbei gehe. Das ist etwas, was man selber machen muss. Das fordert natürlich auch Disziplin. Man muss auf „nicht interessiert“ gehen und dann werden diese Videos im besten Fall nicht mehr ausgespült.
Lucy: Bei mir funktioniert das mit „nicht interessiert“ irgendwie gar nicht.
Rosi: Echt? Bei mir schon.
Lucy: Also bei mir ist das schlimmste was mir passieren kann Langeweile, weil ich dann auf sehr dumme Ideen komme. Deswegen muss ich eigentlich immer was machen, weil ich Langeweile nicht aushalte. Denn dann gehe ich wieder in meine Gedanken, gerate in eine Abwärtsspirale, stelle mir dann Sachen vor „was wäre, wenn du jetzt das und das machst“ und das ist nicht so schlau, deswegen lenke ich mich dann lieber mit Social Media ab.
Rosi: Mir ist oft langweilig, mir ist gern langweilig. Mir geht’s da besser, ich habe auch alle meine Hobbys in den letzten Monaten verloren. Ich habe sehr viel mit Ölfarbe auf Leinwänden gemalt. Ich habe mit der Kunst meine Gefühle ausgedrückt. Das habe ich jetzt irgendwie nicht mehr, weil ich das Gefühl habe, weniger negative Gefühle zu haben. D.h. ich male nicht mehr. Alles andere macht mir keinen Spaß mehr, deswegen mache ich eigentlich nie etwas. Ich lese manchmal, aber ansonsten ist das nicht viel. Ich halte mich aber auch nicht aktiv fern von Social Media. Ich denke mir dann aber so: „Verdammt, jetzt war ich wieder drei Stunden auf TikTok.“
Lucy: Es gibt auch positive Inhalte auf Social Media, aber die Videos sind meistens so lang, dass meine Aufmerksamkeitsspanne nicht ausreicht. Mir ist der Content zu lang. Deswegen gucke ich mir das alles nicht an. Dafür bin ich viel zu faul.
Rosi: Ich habe meinen Social Media Account darauf trainiert, mir irrelevante Inhalte zu zeigen. Also alles nicht, was einen sowohl negativ aber auch positiv aufwühlt. Meistens sind es lustige Sketche oder Tiere oder Leute, die cooles Make-Up machen. Irgendwie so was, was im Prinzip nicht wichtig ist. Ich will abschalten beim Gucken.
Lucy: Wenn ich an die Zukunft denke, dann hauptsächlich daran ausziehen. Das werde ich im Mai kommenden Jahres tun. Ich möchte eine Ausbildung machen und dann – ja dann lebe ich einfach. Meine psychischen Erkrankungen werden immer ein Teil von mir sein, weil ich teilweise Sachen habe, die sich nicht heilen lassen. Man könnte maximal symptomfrei sein, was aber super unwahrscheinlich ist. Es ist wie es ist, ich kann es nicht ändern. Ich könnte schon etwas ändern, aber das ist mir momentan zu anstrengend. Jetzt kommt auch der Winter, da habe ich keine Kraft an Dingen zu arbeiten.
Rosi: Mir geht es seit mehreren Wochen relativ gut und deswegen bin ich momentan noch ziemlich misstrauisch und skeptisch, ob das jetzt wieder nur eine gute Phase ist und irgendwann wieder mental abstürze. Aber wenn das nicht passiert, dann mache ich meinen Abschluss und meine Ausbildung und ziehe in zwei/drei Jahren bei meiner Mutter aus.
Lucy: Mit Blick auf die Gesellschaft finde ich, dass man mehr erwarten kann. So schwierig ist Akzeptanz nicht und ich finde es schade, dass vieles so runter geredet wird. Was ich jetzt unter Videos von Leuten mit PTBS an Kommentaren mitbekommen habe, die so was schreiben wie „ja dann geh doch mal in den Krieg, dann erlebst du echtes Trauma“. Das finde ich so schade, dass immer alles mit dem größten Extrem verglichen werden muss. Das ist absolut unnötig und die Personen haben ihre Krankheiten aus einem Grund. Wenn das für andere Personen nicht schlimm ist, ist das für die schön, aber für die andere Person ist es eben schlimm. Und das muss man akzeptieren. Wir sind alle unterschiedlich und was dem einen nichts ausmacht, ist für jemand anderen schwer zu ertragen. Wir sind unterschiedlich sensibel und gehen unterschiedlich mit Dingen um.
Rosi: Ich würde mir einerseits wünschen, dass wir aufhören immer Vergleiche anzustellen. Nach dem Motto: Der einen Person geht es schlechter, dann ist bei dir nicht so schlimm. Dann würde ich mir wünschen, dass es weniger Vorurteile und mehr Aufklärung gäbe. Vor allem im Bereich Sucht, weil ich da ja auch selber mit dem Alkohol betroffen war. Viele Leute sehen es immer noch so, das Sucht und Konsum Entscheidungen sind, die man rational trifft – die man trifft, weil man süchtig sein möchte. Dort sollte es weniger Stigmatisierung geben.
Und ich würde mir wünschen, dass sich Leute professionell diagnostizieren lassen. Und nicht, weil sie etwas im Internet gesehen haben und es ihnen neulich schlecht ging, denken, dass sie Depression haben. Wenn es dir schlecht geht, dann geh zu deinem Hausarzt oder geh in Beratungsstellen und lass dir professionell helfen.
Lucy: Ich stimme Rosi da komplett zu, gerade auf Persönlichkeitsstörungen bezogen. Es gibt einen Grund warum man als Teenager extrem selten eine Borderline-Diagnose bekommt. Das wird nur im Extremfall gemacht, weil es bei den jungen Menschen oft um Hormone geht. Und es stört mich dann extrem, wenn dann irgendwelche Teenager unter einem Video schreiben: „Oh mein Gott, ich glaube ich habe Borderline“. Und das nur, weil irgendwo in dem Video 3 Symptome erklärt werden, die auch ein gesunder Mensch haben kann.
Rosi: Persönlichkeitsstörungen sind so komplex, dass sie auch für professionell ausgebildete Psychater*innen schwer zu diagnostizieren sind. Generell ist die Psyche ein sehr komplexes Thema, aber vor allem Persönlichkeitsstörungen.
Lucy: Ich wurde damals vier Stunden interviewt und musste zehn Fragebögen ausfüllen, damit ich die Borderline-Diagnose überhaupt bekomme. Die Ärzt*innen haben aber auch lange überlegt und geprüft, ob sie mir wirklich die Diagnose Borderline geben können. Es beeinflusst mich ja ein Leben lang. Manche Berufe kann ich nicht ausüben. Ich bin bei manchen Sachen eingeschränkt und kann einen Behinderungsgrad beantragen. Die Leute wünschen sich das einfach und das finde ich schwierig. Ich wäre lieber normal.
Rosi: Wir sind sehr reflektiert mit uns und unseren Krankheiten, weil wir seit Jahren einmal die Woche uns in den Therapiesitzungen reflektiert haben. Da denkt man viel nach.
Lucy: Mir ist es auch wichtig, dass ich meinem Umfeld nicht schade. Deshalb sage ich, dass die Leute bitte auf mich zugehen sollen, damit ich daran arbeiten kann. Ich brauche diese Ehrlichkeit, weil ich es nicht merke, ob ich jetzt einen Fehltritt gemacht habe oder nicht.
Rosi: Im Umgang mit anderen Menschen finde ich es wichtig, dass wenn man nichts Konstruktives zu sagen hat, dann sollte man nichts sagen. Solche Kommentare in Richtung: Es geht anderen Leuten schlechter oder geh mal raus – das braucht niemand. Mit solchen Sprüchen haben wir wirklich Probleme. Ich habe nicht so wenig Vitamin D, dass ich mich deshalb umbringen möchte. Viele Leute schieben es auch auf die Hormone. Ich denke mir dann immer: Und wenn es nur die Hormone sind, mich belastet es – helft mir bitte! Wenn ihr das so wollt, dann habe ich eben „nur“ Teenager Hormone, aber ich bin trotzdem an einem Punkt, wo ich nicht mehr kann. Dann finde ich, sollte man trotzdem helfen, auch wenn es nur Hormone sind. Man sollte Leute immer ernst nehmen, wenn sie sagen: Mir geht es schlecht! Wenn es euch schlecht geht, sucht euch Hilfe! Nehmt alle Leute ernst, die sagen, dass es ihnen schlecht geht!
Als psychisch kranker Mensch hat man zudem auch immer die Verantwortung, Leute vorher zu fragen, ob es ok ist, über so belastende Dinge zu reden. Denn du belastest die Leute damit, wenn du ihnen erzählst, was in dir vorgeht und wie es dir geht.
Lucy: Es gibt da diesen Krisenchat oder das Lachtelefon – das ist gut, wenn es einem nicht so gut geht.
Rosi: Da lacht einfach jemand, Lachen ist ja relativ ansteckend.
Lucy: Leute sollen sich mit den Bewältigungsmechanismen (z.B. Selbstverletzungen), die sie genutzt haben, um zu überleben, nicht schlecht fühlen. Aber es ist trotzdem wichtig, daran zu arbeiten und zu gucken, schaffe ich das vielleicht auch ohne diesen Bewältigungsmechanismus und finde ich einen gesünderen Mechanismus auf den ich zurückgreifen kann.
Interview geführt am: 17.09.2025
Interview veröffentlicht am: 10.03.2026
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